Khao San Road: nicht mehr Europa und noch nicht Asien.
Wir haben 10.000 km hinter uns, die Arabische Wüste, den Himalaja überflogen
und müssten eigentlich in einem fernen, fremden Land gelandet sein.
So erscheint die Khao-San-Road jedoch nicht. Das
Treiben auf der Road wirkt bisweilen wie eine große Uniparty unter dem
Motto: 'Wir spielen Asien', die etwas aus dem Ruder gelaufen ist...
Das wahre Asien, das wahre Thailand (gibt's das überhaupt?) fangen einen oder auch
ein paar Tausend Kilometer weiter an.
Entsprechend
gilt die Road als "Gateway to Asia" - das Tor nach Asien, - und
eben nicht als Asien. Was bei genauem Hinsehen vielleicht nicht ganz richtig ist: Immerhin
gehören rucksackbepackte Touristen inzwischen ebenso zu Thailand wie
gelbgewandete Mönche. Hochverdichtet wie in der KSR ist der Tourismus
zwar sonst nirgends, aber völlig untypisch auch nicht.
Auf der Road würzt eine Handvoll Thailand westliches Studentenleben. Es gibt Pauschalkomfort
für Individualtouristen: Reisebüro - Kneipe - Internetcafé - Guesthouse
- Klamottenladen (teilweise alles
in
einem).
Dieser
Fünfkampf
der
Touri-Versorgung
wiederholt
sich
auf
beiden
Seiten
der
Road
ungezählte
Male,
dazwischen
kleine Supermärktchen,
Juweliere,
Geldwechsler,
Maßschneider.
Das
Angebot
scheinbar immer
gleicher
Läden auf der kurzen Straße ist
verwirrend
und
riesig.
Der
Andrang
von
Touristen
aber
auch.
Zahlreiche Besucher fühlen sich auf Anhieb heimisch, und benehmen sich
entsprechend. Einige Reisende versacken auf der Road, bleiben dort
wochenlang hängen und fangen erst gar
nicht zu Reisen an.
Andere kommen mit der Road nie zurecht und fliehen, so schnell es geht, zu
vermeintlich ruhigeren Orten in Thailand und Umgebung.
Vom Insidertipp zur Tourismusmaschine
Vor
rund 30 Jahren gab es in der Road ein paar gammelige Fremdenzimmer in
Teakhäusern. Insidertipp für Traveller, die gerade Thailand als vom
Tourismus weitgehend unberührtes Paradies entdeckt hatten.
Vielleicht
sähe die Road heute noch wie damals aus, hätte nicht ein gewisser Joe
Cummings ein paar der Zimmer in seinem Reiseführer "Lonley Planet -
Asia on a shoestring" verzeichnet. Das Buch hat heute
Bibelstatus...
...und
die Road sowie ihre Umgebung sind eine gewaltige Tourismusmaschine,
zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Rucksackreisenden.
Es
besteht ein Bedarf nach solch einem Ort. Wen keine deutsche Reiseleitung
und kein Hotel von TUI oder Neckermann auffängt, der braucht zunächst einen
vertrauten
Platz, der vor abruptem Kulturschock schützt. Den Kulturschock kann sich
hier jeder selbst dosieren.
Einige Straßen weiter, kann man in Slums argwöhnische Blicke auf sich
ziehen, kann eine unbehagliche Einladung in ein armseliges Heim bekommen
oder in "echten" Bangkoker Kneipen lauwarmes Fischcurry löffeln
und mit Zeichensprache kommunizieren.
Muss man aber nicht: Auf der Road gibt es Baguettes und Beck's Bier. Die
Bedienung spricht nicht mehr, als sie muss. Auf Englisch.
Wer
dann doch
Exotik
will,
kann
in
einem
der
Reisebüros
ein
Ticket
zu
fast
jedem
Ort
Asiens
buchen (incl.
Visum
nach
Laos
oder Kambodscha). Oder sich Bangkok, ein paar Straßen weiter, zumuten.
Aber wie gesagt, niemand muss es.
"Weißt
Du, Richard, eines Tages schnappe ich mir einen von diesen
Reiseführerschreibern von 'Lonley Planet', und dann werde ich ihn fragen, was
zum Teufel an der Khao San Road so verflucht gottverlassen sein soll."
Ich lächelte. "Und dann haust du ihn k.o., ja?"
Das Lächeln wurde nicht erwidert.
(Alex
Garland: The Beach [Der Strand], München 1997, S.200)
Die Khao-San-Road wird umgebaut
Der Trend ist nicht nur auf der KSR, sondern überall in Thailand
beobachtbar: Komfort- und Preisniveau steigen seit Jahren. Die
touristische Infrastruktur für den Rucksacktourismus wird herausgeputzt.
Die zweite oder dritte Generation Backpacker in Thailand hat höhere
Ansprüche und gibt mehr Geld aus als ihre Eltern vor 30 Jahren.
Schlichte,
einfache Backpackerkaschemmen sterben aus.
Inzwischen ist mit "Prakorbs House" die letzte echte
Travellerkneipe auf der Road geschlossen worden. Jetzt ist dort eine
Massagebude. Offenbar ist Massage auf der Road derzeit ein einträglicheres
Geschäft als gute, günstige und halbwegs authentische Thaiküche. Mit einfachsten baulichen Mitteln werden Lifestyletreffs
wie die "Silk-Bar" in ein paar Tagen aus der Retorte
gezaubert. Oder ein alter VW-Bulli wird mit Flex und Farbe zur "Volksbar"
umgerüstet, in der grell-grazile Kathois Cocktails in Plastikbecher
füllen. Selbsternannte Szenekneipen werben um zahlungskräftige Kunden.
Neue große Hotels bieten Übernachtungen in gediegenen Zimmern, - zu
einem vielfachen des Preises, den die Herberge verlangte, die hier
Jahre zuvor stand. In
der Umgebung plättet die "Sawasdee-Group" Bretterbuden und baut
derzeit am fünften oder sechsten großen Sawasdee-Guesthouse im Viertel.
"...bald wird die letzte Garküche verschwinden und der
erste Burgerbrater eine Filiale auf der Road eröffnen..."
...habe ich im Jahr 2003 geunkt.
Im Jahr 2012 gehören Mc, der King und der Hühnermörder aus
Kentucky beinahe schon zum alteingesessenen Inventar der Road.
Mc betreibt gar zwei Filialen auf der 400 Meter kurzen
Straße. Ebenso bieten "Starbucks" und "World Coffee" Heißgetränke in
klimatisierten Räumen an. Bei Subway bekommst du Butterbrote wie
daheim.
Somit tummeln sich die Läden, die sich zwischen Kopenhagen und
Kapstadt, Kansas City und Kaliningrad überall auf der Welt
tummeln, - als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner der
Internationalen Esskultur, auch auf der Khao-San-Road.
War das eigentlich wirklich viel toller, damals, als die Road noch keine
Tourismusmaschine war, als es dort noch kein Pflaster aus
Schmucksteinen und noch keine Coffeeshops gab. Als statt dessen
Reisverkäufer ihre Karren über die staubige Road schoben und
erste Farangs in billigen Zimmer garantiert ohne jeden Komfort
abstiegen.
Die Bäckpäckerromantik stirbt aus auf der Road.
Immerhin, der
Kaffee war damals ungenießbar. Heute schmeckt er Weltklasse.
Das gesamte Viertel teilen drei
Thai-Chinesische Investorengruppen unter sich auf. Gebaut wird, was Geld
bringt.
Zum
einen sollen zahlungskräftige Thaiyuppis der Thai-Society bedient werden,
die in der Road einen Szenetreff entdeckt haben.
Zum
anderen sollen vermehrt solvente Touristen der gehobenen Klasse, die
bisher allenfalls zum Sehen und Staunen kamen, im Viertel gehalten (und
zum Geldausgeben animiert) werden.
Dafür
wird derzeit die Infrastruktur mit gestylteren Läden geschaffen. Nach und
nach verschwinden die angestammten Läden und werden durch Gepflegteres
ersetzt und das Preisniveau wird weiter steigen.
Die
Bangkoker Stadtverwaltung unterstützt diese Entwicklung und erteilt
bereitwillig Genehmigungen.
Khao-San-Road, Teil 1

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