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Obgleich oder vielleicht gerade weil jedes Jahr Millionen Touristen
über das Land herfallen, ist deren Ruf als Institution mindestens
zweifelhaft. "Tourist": Das Englische Wort aus Französischer Wurzel
bedeutet ursprünglich "Reisender", genau wie das Wort "Traveller". Dass
"Traveller" jedoch ganz anders und auf jeden Fall fortgeschrittener und
einfach besser reisen als "Touristen", belehrte mich unlängst ein Leser
per eMail.
Touristen verplempern danach die Reise mit einem geistlosen Triathlon
der Trivialität (1. am geilsten Strand schmoren 2. einen noch geileren
Urlaubsflirt aufreißen 3. das billigste Bier des Breitengrades während
eines hammergeilen Sonnenunterganges hineinschütten).
Das Gastland und dessen Bewohner interessieren den gemeinen Touristen
nur als unverzichtbare Staffage für Urlaubsfotos. Tempel, Big Buddha und
Garküchen sind Kronzeugen des Thailandurlaubes und belegen, dass es
diesmal eben nicht die wie in den Jahre zuvor in die Dom-Rep. oder nach
Fuerte sondern neben in das Land ging, in dem an jeder Ecke Tempel,
Buddhastatuen und Garküchen darauf warten, von Touristen geknipst zu
werden.
Anspruchsvolle Traveller haben solche Niederungen längst überwunden und
auf beschwerlichen Reisen durch ferne Lande und durch eigene
Seelenlandschaften höhere Ebenen des Bewusstseins erreicht.
Gerade dieser anspruchsvollen Zielgruppe will Thaiminator nunmehr
feinfühlige Kulturreportagen und tiefsinnige Hintergrundinfos bieten.
Weil Touristen diese nicht entdecken, sondern allenfalls Buddhastatuen
oder geile Strände aus dem Reiseführer finden, werde ich ab jetzt eine
radikal untouristische Sichtweise einnehmen und Thailand bewusst jenseits
aller ausgelatschten Touristenpfade entdecken.
Die Reise beginnt viel versprechend: Fluggesellschaften unterstützen
untouristisches Reisen schon seit einigen Jahren und haben die
Touristenklasse in "economy-class" umbenannt. In dieser sitze (will man
das Geqeutsche in minimalstem Abstand ernsthaft als "Sitzen" bezeichnen)
ich gerade, als mir eine Flugbegleiterin das erste ernsthaften Problem in
die Hand drückt: Was schreibe ich als Reisegrund auf die Einreisekarte des
Königreich Thailand? Das Wort "tourism" ist verlockend einfach. Alle
weiteren Reisegründe sind zudem teilweise gefährlich: Wer etwa angibt,
geschäftlich nach Thailand zu reisen, kann mit mörderischem Papierkrieg
rechnen.
Ratlos am Flughafen in Bangkok: Als normaler Tourist stiege ich nun
munter in die Bahn zur Hua Lampong Station, von dort aus fröhlich mit dem
Tuk Tuk zur Khao San Road (die Fahrt zum Touristentarif von 80 Baht,- als
Untourist dürfte ich höchstens abgeklärte 60 Baht zahlen).
Wohin also, wenn nicht zu einer Touristenabsteige in der Khao San Road
oder Sukhumvit Road? Ich entschließe mich unentschlossen, mit dem Zug eine
oder zwei Stationen stadteinwärts zu fahren und mir dort eine Unterkunft
zu suchen, die nie ein Tourist zuvor betreten hat.
Also stehe ich eine halbe Stunde später in einem touristenverlassen
Viertel Bangkoks und frage eine junge bebrillte Thai nach einer Herberge
in der Nähe. "Take the taxi to Khao San Road or Sukhumvit Road. Many
hotels there”, erhalte ich als Antwort. Diesen Spruch werde ich heute noch
häufiger hören. Von der stillen Hoffnung auf eine Einladung (vorzugsweise
von einer hübschen Frau) trenne ich mich nach einigen Stunden. Kurz vor
Einbruch der Dunkelheit trenne ich mich betrübt auch von der Straßenecke
in einem namenlosen Bangkoker Vorort und nehme ein Taxi zur Khao San Road.
Ein Ausrutscher, resümiere ich am nächsten Morgen die misslungene
Zimmersuche. Die Khao San Road hatte ich schon kurz nach Sonnenaufgang
verlassen, wobei ich den verlockenden Duft von Baguette und frischem
Kaffee, der aus Touristenkneipen weht, heldenhaft ignorierte. Das typisch
Thailändische Frühstück besteht schließlich nicht aus den Zutaten eines
"Continental Breakfast”.
Zwischen 6.00 und 8.00 Uhr morgens löffelt Südostasien Reissuppe.
Millionen Schüsseln davon werden zwischen Burma und dem östlichen Zipfel
Indonesiens verspeist. Unzählige Hektoliter der dickflüssigen Suppe
brodeln in den Küchen. Und zwar überall, außer vielleicht in Kuala Lumpur,
Malaysia; dort habe ich morgens die Kids bei McDonalds frühstücken sehen.
Wer Amerikanische Kochkünste bedenklich findet, dem sei gesagt, dass die
Malaiische Küche noch etwas bedenklicher ist, - Malaysia war lange Zeit
Britische Kolonie.
Anders die Thailändische Küche: Sämtliche Farangs, die je in Thailand
waren, loben sie in hellsten Tönen. – Reissuppe essen sie zum Frühstück
dennoch nicht. Dabei ist Reissuppe sehr nahrhaft, sie sättigt, ohne Magen
und Darm zu belasten, ist bekömmlich, urgesund und zudem spottbillig. Das
Schälchen gibt es für umgerechnet 20 Cent.
Reissuppe hat eigentlich nur einen einzigen Nachteil: Sie schmeckt
nicht, jedenfalls bei weitem nicht so lecker wie gebratener Speck mit
Spiegelei auf Toast sowie frische Früchte mit Joghurt.
Kurzum: Asiaten beginnen den Tag mit Reissuppe, Touristen nicht. Um
also das authentische Asien zu erleben, esse ich Reissuppe und schlürfe
dazu Eiswasser aus einer Plastiktasse in einer gänzlich untouristischen
Kneipe nahe dem Thonburi Bahnhof. Thaipop jammert aus undiskutablen
Lautsprechern, die an dicken Nägeln in der Wand mit den bunten Kabeln
vertäut sind, die sie auch mit Lärm versorgen. Von den zwei Fernsehern in
der Schankraum ist nur einer angeschaltet; vielleicht ist der andere aber
auch kaputt. Der Thai-Telenovela, die über den Bildschirm flimmert, hat
ein gnädiger Geist den Ton abgewürgt (möglicherweise ist aber auch nur der
Lautsprecher der Glotze defekt). Der Film ist mächtig miserabel, die
Kameraführung ist eigentlich keine, die Mimen agieren holperig.
Privatfernsehen am frühen Morgen ist offenbar weltweit grottenschlecht.
Am Bahnhof buche ich einen Zug dritter Klasse, dessen Zielstation mir
nichts sagt und fahre aus Bangkok hinaus. Ich halte den Kopf aus dem
Fenster, genieße den warmen Fahrtwind und betrachte die einförmige
Landschaft. Reis- und Gemüsefelder, manchmal abgegrenzt durch einige
einsame Palmen. Dazwischen Hütten. Auf den Wegen in den Feldern fahren
verbeulte Pickups, beladen mit der Ernte oder den Erntehelfern. Hin und
wieder ein kleines Kaff, an dessen Haltepunkt der Zug stoppt. Jedes Mal
steigen wonnige Thaifrauen zu, die mit Plastikeimern und großen Taschen
durch den Zug laufen und Essbares verkaufen. Ich erwerbe ein Stückchen
gegrilltes Huhn und Klebreis in Plastikfolie. Das Huhn besteht fast
ausschließlich aus Knochensplittern. Thailändische Metzger filetieren
Fleisch nicht, sie hacken es mit Beilen kurz und klein. Die Methode heißt
"Chop chop, bang bang".
Zunächst spucke ich Knöchelchen aus dem Fenster, dann schmeiße ich den
Rest des Huhns hinterher. Überall in Thailand streunen herrenlose Köter
herum, die solch ein Festmahl zu würdigen wissen.
Nach etwa drei Stunden wird der Sitz überaus hart. Einem spontanen
Impuls folgend, springe ich an einer Station aus dem Zug und bin ziemlich
sicher, der erste Farang zu sein, der diesen Ort betritt. Mehrstockige
Betonhäuser, die üblichen Stromkabel, aufdringliche Reklametafeln und
Japanische Kompaktwagen heißen mich willkommen. Der Ort wirkt beinahe so
exotisch wie Buxtehude.
Einige große Songtaus, bunt bemalte, offene Kleinbusse mit Holzaufbau
auf dem Chassis eines Lieferwagens, parken mit laufendem Motor nahe dem
Bahnhof. Betont lässig – ganz der erfahrene Weltenbummler – wuchte ich
meinen Rucksack auf den Dachgepäckträger eines Wagens und nehme auf der
hölzernen Pritsche Platz. Der Fahrer öffnet die Türe, beugt sich heraus
und verbiegt sich in meine Richtung. Dann belausche einen ausführlichen
Vortrag, dem ich entnehme, dass ich ein anderes Songtau besteigen soll,
das auf der anderen Straßenseite parkt. Thai-logistcs eben: Zuerst bist du
immer im falschen Wagen. In dem anderen Songtau langweile ich mich noch
eine halbe Stunde, bis weitere Passagiere zusteigen und der Fahrer aus
einem der Häuser getrottet kommt und losfährt. Währende der gesamten
Wartezeit lief natürlich der Motor.
Wohin die Fahrt führt, weiß ich nicht. An der Endstation werde ich
aussteigen. Die ist nach knapp über einer Stunde erreicht. Ein staubiges
Nest mit ungeteerten Straßen und halbhohen Häusern. Dem Fahrer drücke ich
20 Baht in die Hand und bin erstaunt, dass er mir noch 5 Baht herausgibt.
Hier, ich bin vollkommen sicher, ist niemals ein Farang vor mir gewesen.
Zwei Schuljungen in hellbrauner Uniform kommen aus einer Seitenstraße.
Der eine fährt ein Mountainbike und hat einen viel zu kleinen Gang
eingelegt. Er strampelt, als gelte es, einen Frühjahrsklassikers zu
gewinnen. Der andere Junge läuft mit langen Schritten nebenher und
schlenkert wild mit den Armen. Sie grüßen mich mit lauten "Hellos",
grinsen und umkreisen mich mehrmals. "Kaydie? Kaydie?", ruft der
Radsportler mir ein paar Mal zu.
"Kaydie?", denke ich, warum eigentlich nicht "Kaydie"? Kaydie finde ich
wirklich ausgezeichnet. "Kaydie, krap!" rufe ich den Jungs zu. "Kaydie!
Kaydie!" rufen die begeistert und verschwinden.
In einem Laden um die Ecke erstehe ich eine Pepsi, setze mich an den
Straßenrand und grübele, was "Kaydie" sein könnte. Nach ein paar Minuten
sind die Jungs wieder da. "Kaydie comin’ few minutes". Jetzt haben sie
getauscht. Der Läufer von eben fährt Rad mit viel zu kleinem Gang, der
andere läuft. Ununterbrochen. Die Straße rauf und runter. Immer, wenn sie
an mir vorbeikommen: "Kaydie, Kaydie". Dann lachen sie. Jugend trainiert
für Olympia. Ich bin stolz, die Goldmedalliengewinner von 2020 heute
bereits kennen zu lernen.
Irgendwann kommen sie zu mir, bleiben stehen und fuchteln aufgeregt mit
den Armen herum. Ein Pickup hält unmittelbar vor uns. Die Jungen grinsen
verlegen, als der Fahrer aussteigt. Der ist eindeutig ein Farang. "Bist
Deutscher, was?" fragt er mich und bevor ich antworten kann: "Deine
Sandalen. Nur Deutsche tragen Ledersandalen. Alle anderen haben dieses
Trekkingzeug an den Füssen. Ich bin übrigens Klaus-Dieter, die Thais
nennen mich "Kaydie". Kaydie trägt Birkenstocklatschen. Er packt meinen
Rucksack auf die Ladefläche und hält mir die Beifahrertür auf.
"Gebucht hattest Du nicht, oder?" fragt mich Klaus-Dieter während der
Fahrt.
Ich verneine.
"Woher hast Du unsere Adresse?"
Ich teile Klaus-Dieter mit, dass sich seine Adresse überhaupt nicht habe.
"Wie kommst Du denn dann hierher?"
"Mit Bahn und Songtau."
"Du wolltest nicht zu uns?" fragt Klaus-Dieter erstaunt.
"Eigentlich nicht", gebe ich zögernd zurück.
"Wohin willst Du denn dann?"
Wir durchfahren ein Bambuswäldchen. Dann hält Klaus-Dieter vor einem
hübschen Holzhaus. Auf einem hölzernen Schild davor steht "
Butterfly Lodge".
"Wir haben noch was frei, wenn Du bleiben willst, kannst du jetzt
einchecken. Sonst fahre ich Dich nachher wieder in den Ort."
Es ist 16.00 Uhr. Ich entscheide mich zu bleiben. Die Butterfly Lodge
liegt recht idyllisch an einem See. Ein Österreichisches Reisebüro
versorgt die Anlage mit Besuchern. Vornehmlich ältere Herrschaften aus der
Alpenrepublik genießen es, jenseits allen Trubels und abgeschieden zu
überwintern. Klaus-Dieter und seine Thailändische Frau bewirtschaften die
Logde. Das Restaurant bietet gelungene Deutsch-Asiatische Crossover-Küche.
Ansonsten herrscht hier eine Atmosphäre wie in einem Kloster.
Klaus-Dieter fährt mich am nächsten Morgen in den Ort. Ich mache mich
auf den Weg nach Bangkok, von wo aus ich Ko Samui ansteuere.
Ko Samui beherbergt pro Jahr über eine Million Besucher und ist durch
und durch touristisch versaut, mit 1. geilen Stränden, 2. geilen
Urlaubsflirts und 3. hammergeilen Sonnenuntergängen. Den Versuch, Thailand
bewusst jenseits aller ausgelatschten Touristenpfade zu entdecken,
verfolge ich nicht weiter. Wohin ich in Thailand auch komme, der Tourismus
ist schon da. Was allerdings nicht wirklich schlecht ist: An allen schönen
Orten bekommen Reisende zum Frühstück Cappuccino und Käsebrote. Fade
Reissuppe muss niemand löffeln.
früher war alles besser!

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