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Wie viel Schönheit erträgt der Mensch? – Zumal wenn die Schönheit
natürlicher Natur ist und der Mensch dem Ruhrgebiet entstammt. - Eine
Gegend übrigens, in der mit Birkengestrüpp überwucherte Kohlenhalden
zwischen Industrieruinen und Schnellstraßen schönfärberisch
"Landschaftspark" heißen und allen Ernstes als "Freizeitparadies" (ja
wirklich: "-paradies") gepriesen werden.
Von solchen Übertreibungen abgestumpft, fehlen dem Ruhrpöttler die
angemessen Worte zur Beschreibung wirklich schöner Landschaften.
Zwar ist noch nicht abschließend geklärt, wann etwas schön ist und
wann nicht; die Philosophie verstrickt sich in Theoremen, die ähnlich
abstrus wie die Werbeprospekte der Initiative Ruhrgebiet daherkommen.
Immerhin gibt es eine demokratische Abstimmung mit den Füssen, bzw.
dem Flugticket: Als Beleg für die landschaftliche Schönheit der Gegend
um den Railey Beach bei Krabi mag etwa gelten, dass die jährliche Zahl
der Touristen dort etwa 14.258 mal höher ist als die in Castrop-Rauxel
(obwohl C-R sogar 5 mal größer ist!).
Aber keine Superlative; statt dessen Postkartenidylle: Aus der
klarblauen See ragen monumentale Felsen in Farben, die je nach Stand
der Sonne zwischen rot, braun und blau wechseln. Die subtile
Farbenpracht der Flora, die die Felsen wie eine wirre Frisur
überzieht, ist vom Strand aus nicht genau zu erkennen und zerläuft in
ein GRÜN, für das es kein deutsches Wort gibt. Am weißen Strand sind
hölzerne Boote vertäut, in denen Frauen Ananas, Bananen, Coca-Cola und
Sandwiches feilbieten. Ob die bunten Tücher am Bug der Boote die
Götter des Meeres oder Touristen erfreuen sollen, ist unklar. Das Blau
des Himmels strahlt mit dem Grün der Palmen um die Wette.
Genauso hat das Paradies ausgesehen: Man stelle sich am
Phra-Nang-Strand des Railey Beach knapp vor die Boote an die
Wasserlinie und betrachte eines der berühmtesten Fotomotive Thailands:
Der besonders ansehnliche Felsen im Wasser ziert gemeinsam mit
polfilterblauem Himmel und ein oder zwei Booten millionenfach
Fotoalben und etliche Male Reiseführer und –zeitschriften.
Genauso sieht das Paradies nach dem Sündenfall aus: Man drehe sich
nun um 90 Grad und blicke den Strand entlang: Die gebräunte Blondine,
die gerade im luftigen weißen Kleid vorbeiweht, könnte die Szenerie
ästhetisch noch bereichen. Für den geölten Bierbauch aus Leverkusen
und die krebsrote Cellulitis aus Birmingham gilt dies jedoch nicht.
Und sie sind nicht allein, sondern Teil einer internationalen
Verschwörung, die angetreten ist, den schönsten Plätzen der Erde ihren
Zauber zu nehmen.
Belustigt denke ich, dass vermutlich just in diesem Moment jemand
zu mir herüber schaut und es hier ohne mich auch hübscher fände.
Fairerweise muss gesagt werden, dass am Strand auch ohne größere
Kämpfe noch Platz für das eine oder andere Handtuch ist. Selbst bei
Flut am frühen Nachmittag. Mallorca ist das hier wirklich nicht.
Fairerweise muss ebenfalls gesagt werden, dass am
Railey Beach noch ein paar ruhige Ecken findet, wer etwas Kraxelei auf
sich nimmt.
Fairerweise muss zudem noch gesagt werden, dass es trotz der
(anderen) Touris fast unmenschlich schön ist.. Es gibt noch ein
Kriterium für Schönheit: wenn das Herz aufgeht, die Seele baumelt und der Mensch sich
überwältigt fühlt. Klingt hilflos-esotherisch, geht mir aber am
Railey Beach so.
Unmenschlich schön ist es. Zumal wenn der Mensch dem Ruhrgebiet
entstammt. Und ein Rückflugticket für in ungefähr zweieinhalb Wochen
im Rucksack hat. Wie bekloppt muss man sein, damit in ungefähr
zweieinhalb Wochen am Flughafen in Bangkok zu stehen? Und wie
bekloppt, tags drauf im Kohlenpott einzufahren? Ich meine, dort, wo
mit Birkengestrüpp überwucherte Kohlenhalden zwischen Industrieruinen
und Schnellstraßen schönfärberisch "Landschaftspark" heißen und allen
Ernstes als "Freizeitparadies" gepriesen werden.
Wenn ich nun während der nächsten Bootsfahrt mein Ticket in der
Andamansee verklappe? Wenn ich hier dann eine Pizza- oder
Vollwertbäckerei aufmache? Oder ein Guesthouse oder sonst irgendwas?
Rheuma bekomme ich dann garantiert nicht und Kohlehalden müsste ich
auch nicht mehr sehen.
Vermutlich ist die spannendste Frage während einer Thailandreise,
wieso die Meisten sich nach ein paar Wochen wie die Lämmer wieder am
Departure-Schalter in Don Muang einfinden und ins GRAU zurückfliegen.
Reisegeschichte; Einige Stufen bei Krabi

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