Touristennepp in Bangkok – Meine ganz persönliche Erfahrung

Die folgende Geschichte ist mir selbst so passiert – dabei zählt sie in abgewandelten Formen fast schon zu den Klassikern im Bereich Touristennepp:

Bei einem meiner Bangkok-Besuche wollte ich mir auch das Nationalmuseum anschauen und fuhr also mit einem Tuk-Tuk zu ebendiesem. Es ist übrigens direkt neben Königspalast und Wat Po  gelegen.


Der hilfsbereite Lehrer

Kurz nachdem ich ausgestiegen war, kam ein elegant gekleideter Mann mittleren Alters auf mich zu. Sein seriöses Erscheinungsbild wurde von einem Sonnenschirm, den er trug, abgerundet. Er fragte mich auf Englisch, wo ich hinwolle – und klärte mich alsbald darüber auf, dass das Nationalmuseum montags leider geschlossen sei. In einem netten Gespräch über meine Herkunft, meinen Urlaub und weiteres, erzählte ich auch, dass ich abends womöglich einen Muay-Thai-Fight anschauen wolle.

Der hilfsbereite Herr hatte schnell eine brillante Idee parat, wie ich die nächsten Stunden verbringen könnte. Ruckzuck zeichnete er in meinen Stadtplan eine Route ein: Nicht allzu weit entfernt befände sich ein beeindruckender und wichtiger Tempel, den ich mir unbedingt anschauen solle. Eine ganz tolle Kleidungsfabrik (er nannte es tatsächlich immer factory) solle ich mir danach auch noch anschauen. Und schließlich zeichnete er mir noch eine offizielle Tourist-Information ein, wo ich zum Abschluss noch Tickets für den Fight kaufen könne.

Er unterstrich seine Empfehlungen dann noch mit einer Hintergrundgeschichte über sich selbst. Er sei Professor an der benachbarten Universität. Und gerade letzte Woche erst sei er mit seinen begeisterten Studenten auch in der Fabrik gewesen usw… Schließlich gab er mir noch eine Lehrstunde in Sachen Tuk-Tuk: Diejenigen Fahrer, die einen bestimmten Sticker an der Windschutzscheibe haben, würden zum aktuell gefeierten Königs-Geburtstags Rabatt gewähren! Er hielt ein solches Tuk-Tuk an und forderte mich auf, nach dem Preis für die gesamte Route zu fragen. Viel zu teuer! Haha! Also verhandelte er für mich auf Thai und schlug einen Spottpreis für mich raus. Und los ging es.


Der Tempel

Die erste Station war der groß angepriesene Tempel. Erster Eindruck: Für ein solches Juwel unter den Tempeln verdammt wenig los dort. Zweiter Eindruck: Ich habe schon sehr viele Tempel gesehen, und alle sahen irgendwie bedeutsamer aus.

Trotzdem wollte ich wenigstens einmal auf dem Gelände herumschlendern. Ich war übrigens fast der einzige Mensch dort – auf jeden Fall der einzige Farang. Schnell allerdings hatte ich einen thailändischen Herren an meiner Seite. Er sprach – ähnlich wie der Lehrer zuvor – erstaunlich gutes Englisch, was nicht unbedingt gewöhnlich ist in Thailand.

Er wohne in der Nachbarschaft und sei regelmäßig hier, um zu meditieren. Wir unterhielten uns ein wenig über Meditation, er zeigte mir ein paar Sachen auf dem Gelände – und dann lenkte er das Gespräch auf meine weiteren Pläne. Ich zeigte ihm die auf der Karte eingezeichnete Route, und er war ganz begeistert: Ja, diese Fabrik! Richtig gut – auf keinen Fall verpassen! Ob ich denn auch an Edelsteinen interessiert sei? Froh, dass ich die Edelstein-Touri-Fallen auf dem Schirm hatte, lehnte ich den Vorschlag dankend ab und verabschiedete mich schleunigst.

So langsam beschlich mich ein ungutes Gefühl, und Enttäuschung stieg auf. Wirklich nette Gespräche – und letztendlich sollte alles nur auf Geldmacherei hinauslaufen?!


Die Fabrik

Die nächste Station bestätigte letztendlich meine dunklen Gedanken. Die ominöse Fabrik war nichts weiter als eine von gefühlten 10.000 Anzugs-Schneidereien in Bangkok. Ich drehte ein Pflichtrunde, während der Tuk-Tuk-Fahrer draußen wartete. Er war recht überrascht, mich nach nur einer Minute wiederzusehen. Und ein wenig enttäuscht.

Ich teilte ihm also mit, dass die ganze Tour-Idee des Herrn Lehrers meiner Meinung nach ja wohl nur Verarschung gewesen sei. Schnell ergab sich dann im Gespräch, dass er, der Fahrer, jetzt leider kein Kopfgeld von der Schneiderei bekäme. Für jeden Fahrgast, der wenigstens 5 Minuten beim Schneider bliebe, bekäme er Geld, mit welchem er wenigstens seinen Sprit bezahlen könne.

So viel Ehrlichkeit und fand ich sympathisch – so dass ich auf seinen folgenden Vorschlag einging: Ob ich ihm nicht helfen könne, indem wir zu einem Schneider in der Nähe führen und ich dort ein paar Minuten im Laden bliebe. Dann bekäme er Geld und er müsste für diese günstig ausgehandelte Rundfahrt nicht noch draufzahlen.


Die Schneiderei

Gesagt, getan. Wir fuhren also wenige Minuten, und ich sah den anstehenden Abschnitt der Rundreise einfach als das Abenteuer einer Komplizenschaft an. Ich lief also interessiert schauend in dem Geschäft herum und hatte natürlich sofort einen Verkäufer an meiner Seite.

Er präsentierte mir Produktkataloge und Stoffe und erklärte mir sogar, dass Rudi Völler (!) Kunde sei. Beweis: Foto von Rudi Völler in einem Anzug. Auf seinem Computer zeigte er mir die Website des Geschäfts. Dort konnte ich sehen, dass sie Filialen in London und München haben. Und obwohl der angebotene Preis für einen Anzug immer weiter fiel, wollte ich natürlich immer noch nicht zugreifen. Irgendwann kam sogar der Chef des Ladens persönlich und machte mir ein Angebot, das nur der Chef persönlich machen darf.

Als ich dann für mich entschieden hatte, dass ich ausreichend Einblick in die ausgereiften Überzeugungsstrategien erhalten hatte und endlich gehen wollte, wurde es doch noch mal interessant: Der Verkäufer wurde auf einmal sehr wütend – ich hätte seine Zeit gestohlen! In der Zeit hätte er bereits anderen Kunden Anzüge verkaufen können. Und überhaupt!

Wie auch immer: Mission erfüllt. Ich hatte reichlich Erfahrung mitgenommen, der Tuk-Tuk-Fahrer hatte sein Geld. Also ab zur nächsten Station.


Official Tourist-Information

Die offizielle Touristeninformation entpuppte sich letztendlich als eine gewöhnliche touristische Booking-Agentur, wie es sie an jeder Ecke gibt. So wirklich überraschend kam das dann nicht mehr. In der Agentur war man ein wenig enttäuscht, dass ich keine Zwei- oder Dreitages-Touren buchen wollte. Ja gut, Muay-Thai-Tickets… die gibt es auch. Gäähn…

Immerhin konnte ich also nach einem abenteuerlichen Nachmittag doch noch ein VIP-Ticket für den abendlichen Muay-Thai-Fight kaufen. Und da die Tickets alle einen offiziellen Verkaufspreis haben, war ich mir sogar sicher, nicht über den Tisch gezogen worden zu sein. Und dass es ein VIP-Ticket geworden war, war letztendlich auch gut, denn bei moderatem Preis hatte ich abends tatsächlich hervorragende Sicht auf den Ring und konnte den Lieblingssport der Thais hautnah miterleben.


Die Moral von der Geschicht‘

Dass ich auf einen so gängigen Trick reingefallen bin, könnte mir peinlich sein (ein wenig ist es das auch). Allerdings habe ich auch sehr viel gelernt – und ich bin ehrlich beeindruckt von dem gut durchdachten System, mit dem Touristen abgezogen werden sollen: Die sich gegenseitig bekräftigenden Aussagen der Beteiligten, die vorgespielte Hilfsbereitschaft, gut gefälschte Referenzen. Da greifen alle Rädchen sauber ineinander – und dass man auf diese Weise ordentlich was verdienen kann, glaube ich sofort.

Übrigens habe ich noch am selben Abend im Internet Hinweise auf genau diesen netten Lehrer mit seiner Story gefunden, was mir die letzte Bestätigung für den ganzen Nepp gab.

So entgehst du dem Touristennepp

  • Lass dich in der Gegend des Palasts nicht von hilfsbereiten Thais anquatschen, die gute Ideen parat haben.
  • Überprüfe, ob Palast oder Museum tatsächlich geöffnet bzw. geschlossen sind (das Nationalmuseum hat wirklich nur Mittwoch bis Sonntag geöffnet, der Palast aber jeden Tag!).
  • Geh nicht auf Super-Sonderangebote von Tuk-Tuk-Fahrern ein, die für 80 Baht eine Stadt-Tour anbieten. Du landest am Ende entweder beim Schneider oder beim Edelstein-Händler.

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