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Bangkok – Stadt der Engel

Der offizielle Thailändische Name Bangkoks lautet: „Gkrungh Thep Mahanakorn Amorn Rattanakosin Mahadirok Popnoparat Ratchathani Burirom Udommahastthan Amornpiman Awathansathit“.

Das Wortmonster wird verkürzt gerne mit „Stadt der Engel…“ übersetzt. Ein Leser meinte, die korrekte Übersetzung lautet eher „Stadt der Geister…“. – Also „Engel“, „Geister“ oder doch lieber „Monster“? Jeder, der nach Bangkok reist, hat wohl seine eigene Meinung. Und jede ist richtig!

Version 1:
Bangkok, abhaken und weg!

Den Wahnsinn längstens eine Nacht erdulden und dann fliehen! Dabei hat der Wahnsinn dieser Stadt dich schon erfasst, bevor du richtig in ihr bist. Spätestens zwei Kilometer hinter dem Flughafen bist du mittendrin.

Kinderprostitution, Verbrechen, Armut: da ist Wegsehen möglich; diese Formen des Elends lassen sich umgehen und ignorieren. Doch dem Verkehrswahnsinn können Touristen in Bangkok nicht ausweichen.

Spitzenhotels, wie Sheraton, Royal Orchid und Oriental, schützen ihre Gäste durch meterhohe Mauern vor Bangkoks sozialen Ausdünstungen. Innen Chrom, Glas, Mahagoni, Air-Condition und liebevoll arrangierte Blumenpracht.

Auch die Rucksackszene hat ihr Ghetto. Banglampoo ist heimisches Territorium, eine überdimensionierte Studentenkneipe. Cluburlaub für Freizeithippies. „Amtssprache“ Englisch, mitunter Deutsch. Exotisch sind hier allenfalls die Spottpreise für vertraute Dinge: Pizza und Bier, Diesel Jeans und Levi’s, Marlboro und Marihuana. Gesichter wie auf einem Unicampus, etwas entspannter vielleicht.

Mit genügend Baht in der Tasche, kann sich jeder Bangkok vom Hals halten. Doch selbst wer die Stadt erleben will, erlebt außer Smog, Hitze, Lärm und Gestank selten mehr als das Übliche.

Das „Übliche“ ist indessen Pflichtprogramm: Königspalast, der heilige WAT PO, das Rotlichtviertel in den Patpongs, der eine oder andere Klong sowie ein paar Tempel und Märkte, als kleiner Nervenkitzel vielleicht die Schlangenfarm des Institut Pasteur. Darüber hinaus – so ist in einem einschlägigen Reiseführer nachzulesen – gibt es in Bangkok nichts zu sehen. Nach drei Tagen – wird dem geneigten Leser nahe gelegt – sollte man die Stadt spätestens verlassen.

Hinterlistige Dämonen haben jedoch mit grimmigen Humor die Sehenswürdigkeiten großzügig verstreut und sie nicht kompakt im Garten des bevorzugten Hotels oder Guesthouse versammelt. Um also auch nur das Minimalprogramm abhaken zu können, muss der Reisende seinem Wesen gerecht werden und unterwegs sein. Das lausigste Foto mit einem Buddha, Gewürzhändler oder Go-Go-Girl hat einen hohen Preis.
Daher stehen (buchstäblich) Touristen zwangsläufig irgendwann im Herzen eines Albtraumes, aus dem es kein Entfliehen gibt. Ausgerechnet der kollektive Drang, von dort fort zu kommen, wo man gerade ist, verursacht Bewegungslosigkeit.

Vier Kilometer pro Stunde sind tagsüber die durchschnittliche Geschwindigkeit. Manchmal scheint ein derart rasantes Tempo jedoch unerreichbar. Jungen in Schuluniform ziehen an stehenden Autos vorüber. Zu Fuß geht‘s schneller. Aber wer latscht schon gern bei 35 Grad und 90% Luftfeuchte durch Smogschwaden?

Version 2:
Bangkok, Stadt der Engel

Welch eine Stadt! Weltoffener als San Francisco, exotischer als Hong Kong, größer als London, raffinierter als Paris, preiswerter als Palma, freundlicher als Kopenhagen, entspannter als Katmandu, wuseliger als Singapur, lebensfroher als Rio, heißer als Kairo, undurchsichtiger als Moskau, schöner als Venedig, näher als Sydney. Und das auch noch: jenseits von Slums und Rotlichtvierteln sicherer als Bielefeld.

Das pralle Leben pulsiert in Bangkok auf der Straße. Selbst Zahnärzte praktizieren dort. Die Straße ist Lebensraum. Vielleicht weil es draußen – trotz Smog – etwas weniger stickig ist als in den meisten Gebäuden.
Das pralle Leben ist dabei weniger wuselig oder gar hektisch als es auf den ersten Blick scheint. Die verblüffende Entdeckung, nach wenigen Tagen in der scheinbar so überhitzten Metropole: Bangkokians bewegen sich bedächtig, geschmeidig und ruhig. Jeder Einzelne wirkt locker. Hitze allein erklärt diese Gelassenheit nicht. Es muss noch mehr sein: Singapur, Kuala Lumpur oder Jakarta sind keineswegs kühler, doch dort hetzen die Menschen angespannt durch die Straßen.

Es klingt unglaublich angesichts einschlägiger Horrorstories: Der Rhythmus der Menschen in Bangkok ist eher langsam (sieht man vielleicht mal von Tuk-Tuk-Fahrern ab, – die haben‘s immer äußerst eilig). Warum das so ist, weiß ich nicht, ich tippe auf fernöstliche Götter und Geister.
Damit gibt es auch eine Deutung mehr, warum Bangkokians ihren Wohnort „Stadt der Engel“ nennen: Die engelsgleiche Anmut der Menschen in dieser Stadt.

Die Gelassenheit der Thais überträgt sich auch auf Farangs, die nach einigen Tagen beginnen, wundersam entspannt durch eine der schönsten Städte der Welt zu schreiten, – und dabei das vitale, pulsierende Leben einer Megametropole spüren.

Das ist der Zauber dieser Stadt, sie ist beides in einem: überschäumend – lebendig, so wie die scharfe Suppe von der Garküche und zeitlos – gelassen so wie die ewigen Buddhas in Tempeln und Schreinen.

Bangkok macht es seinen Gästen leicht. Die Stadt überfordert niemanden und bietet doch unendlich viel. Den Kulturschock kann sich jeder Gast nach Belieben selbst dosieren, auch Greenhorns finden sich fast sofort zurecht, die Einwohner sind beschämend freundlich und hilfsbereit, jeder Abend ist ein lauer Sommerabend und die Mindest-Tageskosten für Wohnen und Essen sind geringer als die für ein Metro-Tagesticket in den meisten anderen Weltstädten. Manchen öffnet sich die Stadt. Anderen verweigert sie sich, schickt sie nach Hause oder an belanglose Traumstrände.

Ansonsten leben dort ca. 10 Mio. Menschen und finden‘s wohl ziemlich normal.

Welch eine Stadt!

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