Das Indien der Touristen
An einem bestimmten Punkt in der Stadt Jaipur in
Rajasthan, in Nordindien, zeigt ein dort geknipstes Foto
einzig und allein den Palast der Winde. Der Palast ist nach
dem Taj Mahal berühmteste Gebäude Indiens. Millionenfach ist
das Gebäude in Rajastan im Norden Indiens schon von besagtem
Ort aus geknipst worden, und es prägt unser Bild von Indien:
Hinter die markanten Fenster des Palastes träumen wir
betörende Haremsdamen, mit edlen Ölen gesalbt und von
kostbaren Schleiern verhüllt. Vor dem Palast tragen Kamele,
müde vom Marsch durch die Wüste Thar, ihre wertvolle
Last: Seide und Gewürze, deren Duft unsere Sinne vernebelt.
In Wirklichkeit hupen vor dem Palast unentwegt Tatas,
Tuk-Tuks und Toyotas. Rußschwaden vernebeln die Aussicht und
verstopfen die Bronchien. - Köter kläffen und zerlumpte
Kinder beten ihr Mantra: "rupee mista" In den Ecken liegen
apathische Gestalten auf einem Haufen Müll.
Es gibt mindestens drei Indiens:
Erstes das Indien der Fernwehträume, 1001 Nacht, Farben
und Düfte des Orients, Geräusche und Geheimnisse des
Dschungels, Taj Mahal, Sheherazade, Sheer Khan und Mowgli.
Schöne Frauen in bunten Saris schreiten anmutig zwischen
Palästen.
Zweites das Indiens des 21. Jahrhunderts. Ähnlich
rätselhaft wie das der Träume, aber weit prosaischer:
Verkehrskollaps, Bollywood, Lärm, Umweltzerstörung, Armut,
Wirtschaftsboom, Automobilfabriken.
Drittens das Indien der Touristen: Steinerne Hütten am
Strand mit Klimaanlage und W-LAN. Luftige, szenige Kneipen,
die den ganzen Tag über Frühstück servieren: Cappuchino,
Baguettes und Obstsalat. Weiter unten auf der Speisekarte:
Masala und Linsencurry von gebremster Schärfe.
Coole junge Menschen tragen Shirts mit Ganesha, Ghandi
oder Guevara. Ayurveda, Reiki und Yoga bieten Entspannung
stundenweise. - Wer hat schließlich schon Zeit, sich im
Urlaub auf komplexe Indische Lehren einzulassen?
Das Indien der Touristen schützt vor Kulturschock, weil
es sich vom anderen Indien abgrenzt. Es steht dem Thailand
oder Indonesien der Touristen näher als dem
Indien der Inder.
Krähen
Die eigentlichen Wappenvögel Indiens. Überall und ständig zu sehen und zu hören. Mitunter in beängstigend Hitchkockschen Schwärmen unterwegs.
Mantra
Die Mantras der Inder sind anders als die Westler, die "omm mane padme hum" murmeln und Erleuchtung suchen. Die Mantras der Inder dienen dem Überleben: "have a look, Sir" oder direkter: "Rupee Mista"
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Sauberkeit
Dreimal hatte sie bereits geklopft und mich damit beim Belauschen von MP3s
gestört; jedes Mal mit ansteigender Vehemenz. Beim vierten Mal resigniere ich und lasse sie hinein:"Clean room, Sir?" - Das ist keine Frage; das ist ein Befehl.
Ich kauere auf dem Bett und sehe ihr zu. Sie huscht den
Reisigbesen hin und her und verleiht dem Dreck dadurch ein neues Muster. Rasch ersetzt sie noch die Handtücher durch Lappen, die ebenso
fadenscheinig und speckig sind wie die, die sie einsammelt.
Ich nehme an, die Tücher werden in einem Ringtausch von einem Raum zum nächsten gereicht. Nach einigen Tagen erhalte ich meine alten Tücher
zurück, etwas benutzter vielleicht (falls meine Zimmernachbarin sich traut, meine Handtücher zu berühren).
Insgesamt dauert die Reinigung meines Zimmers gerade mal 1,5 Minuten. Der Dreck ist nicht weniger, sondern nur anders angeordnet.
Als sie herausgehen will, wage ich, sie auf ein Sandhäuflein hinzuweisen, sie sieht mich finster an, wünscht mir bestimmt Kalis Heerscharen an den Hals und
verlässt den Raum.
Ich hingegen rühre mit meinem Duschgel ein maskulin duftendes Putzwasser an, nehme das frische (sic!) Handtuch und wische damit mein Zimmer noch einmal durch.
Hupen
Wer überholt hupt. Wer überholt wird hupt. Wer eine Lücke
erspäht, in die der schießen will, hupt. Wer sich bedrängt
fühlt hupt. Wer bedrängt hupt. Wer eine vierte Spur auf
einer zweispurigen Straße eröffnet, der hupt.
Kurzum: es hupt jeder. Auch für Asiatische Verhältnisse
ist der Kampf auf Indischen Straßen verwegen. Die Waffe ist
die Hupe. Je höher der Schalldruck, den den die Hupe
Konkurrenten im Kampf um einen Meter freie Fahrbahn entgegen
schleudert, desto besser.
Die militaristische Metaphorik ist angemessen angesichts
der rücksichtslosen Fahrweise Indischer Chauffeure. Sobald
die auch nur eine minimale Chance auf eine
Positionsverbesserung erspähen, hupen sie alles zur Seite,
das zwischen Ihnen und der freien Stelle liegt. - Falls aber
kein Platz da ist, in den etwa ein Mopedfahrer flüchten
kann, - sein Problem.
"Sicherheitsabstand" ist ein Tabuwort, das vermutlich
nicht ins Hindi oder Punjabi übersetzt werden kann. - So wie
"Sicherheit" überhaupt. Das "S-Wort". Wir schweigen lieber.
Bei etlichen Überholmanövern schrammt Metall an Metall.
Die Fahrkultur auf Indiens Straßen hat die Grenze zum
Wahnsinn eindeutig überschritten. Vielleicht hilft Hupen,
dagegen, selbst den Wahnsinn anheim zu fallen.
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