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Reisegeschichte:
Angkor Wat / Kambodscha

Riesiger, birnenförmigen Schädel mit monströser Schädeldecke. Darunter ein winziger Körper, wie von einer Spielzeugpuppe. Das Kind mit dem bizarren Kopf erinnert an Aliens in Sciencefiction aus den 60ern. Seine Mutter hält es in einem Kinderwagen und lockt Kunden heran. Das Kind ist eine Sehenswürdigkeit auf dem Tempelgelände und es ist auch ein Geschäftsmodell. „Photo one Dollar“, die Mutter hält die Hand auf.

„One Dollar“. Schon nach kurzer Zeit in Angkor Wat bin ich das Mantra unzähliger Verkäufer leid, die mich umschwirren. Reiseführer, DVDs, CDs, Fotos von irgendwas oder irgendwem, Kunsthandwerk, Spenden, Kitsch, Plunder, Trinkwasser, Cola: „One Dollar“ beten unzählige Kambodschanische Händler ihr Mantra und halten mir ihre Ware unter die Nase.

Mitunter ist der Handel mit Asiatischen Verkäufern wie eine Tanz. Man umschleicht einander, ficht mit Zahlen, Gesten und Mimik, tritt vor und zurück und macht letzten Endes ein Geschäft. Dass kann vergnüglich sein. Hier jedoch ist die Atmosphäre gereizt.

Um das Verkaufsparadies betreten zu dürfen, hatte ich bereits 20 Dollar Eintritt bezahlt. „Please look here“. Am Eingang der Anlage stiere ich in eine Webcam und erhalte kurz darauf einen persönlichen Lichtbildausweis, der mich als Besucher der Tempelanlagen von Angkor Wat ausweist. Jedenfalls theoretisch, denn auf dem verpixelten und fehl belichteten Bild ist allenfalls die Zugehörigkeit zur zoologischen Gattung „Mensch“ erkennbar. - Könnte aber auch ein Schimpanse sein, so blöde wie ich gucke.

Der Nutzen des Lichtbildausweises erschließt sich wohl nur einer kleinen Schar Eingeweihter. Mein Guide gehört dazu und erläutert mir, der Ausweis sei sehr wichtig.

Mein Guide. Ja, meine Begleiterin und ich haben einen persönlichen Reiseführer. In der Packagetour, die wir für 5.000 Baht pro Person in Bangkok gebucht hatten, sind nicht nur An- und Abreise sowie Hotel mit Diät-Frühstück, sondern auch ein Fremdenführer und ein persönlicher Chaufeuerservice per TukTuk enthalten.

Unserer Guide heißt „Mike“, eigentlich „Chunn Chamroeun“. Aber welcher maulfaue Tourist kann das schon behalten oder gar ansatzweise richtig aussprechen. Also eben „Mike“. Die meisten Kambodschanischen Fremdenführer haben solche Spitznamen und heißen bei der Arbeit „Johnny“, „James“ oder eben „Mike“ und im eigentliche Leben ganz anders.

Meine Begleiterin bewies schon früh ihre Intelligenz indem sie sich Mike mit folgenden Worten vorstellte: „Sorry, no English“. Ich hingegen – ganz Weltmann - musste mit meinen Zertifikats-Englisch angeben. Die Strafe für solchen Hochmut folgt mir auf den Fuß. Mike erläutert mir den ganzen Tag lang die persönliche Geschichte und die intimen Geheimnisse praktisch jedes einzelnen Steins, an dem wir auf dem Tempelgelände vorbei kommen. Es mögen einige Tausend sein. Zwar bewundere ich Mikes umfassendes Wissen um die Hintergründe altertümlichen Mauerwerks, allein, es interessiert mich einfach nicht.

Bislang machte ich einen großen Bogen um organisierte Führungen durch Sehenswürdigkeiten aller Art und vergnügte mich damit, selbst Geschichten zu dazu zu erfinden. Oder ich verweile und lasse den Ort auf mich wirken. Die großen Wats in Bangkok etwa, entfalten in mir nach einiger Zeit, in der ich ruhig auf einer Bank sitze, einen Zauber, der mich wohlig einfängt und etwas von der Heiligkeit des Ortes spüren lässt. Unter wessen Regentschaft und wann genau die Gebäude errichtet wurden und welche politischen Querelen dabei eine Rolle spielten, ist mir völlig Schnurz. Es genügt, dass ich in einigen Momente ahne, was die Baumeister gemeint haben könnten.

Das geht in Angkor nur sehr bedingt. Doch in einigen Momenten dämmere ich während Mikes Dauervortrag („...the war between the Khmer and the Cham lasted from 1253 until 1262...“) etwas ein und stelle mir ein anderes Angkor vor:

Er zielt auf den Kopf und schlägt zu. Der Hieb geht daneben. Eine Nase ist zertrümmert. Der Mann flucht auf Alt-Kambodschanisch. Der gesamte Stein, Arbeit mehrerer Stunden, ist verdorben.

Ob die Steinmetzen Fehler machten und durch unachtsame Hammerschläge Ausschuss produzierten? Oder haben sie jede der Hunderttausende Figuren von Beginn an makellos und präzise gemeißelt? Als in Europa gotischen Kathedralen in den Himmel gebaut wurden, schwitzten im Reich der Khmer Männer in tropischen Bauhütten, um ihr Weltwunder zu errichten. Jeden einzelnen Krieger der verfeindeten Khmer und Cham schlugen sie in Stein, dazu Tausende Tänzerinnen, die Apsaras.

Abseits der eigentlichen Baustelle bereiteten die Steinmetzen die Sandsteine vor. Sie schliffen die Blöcke auf Maß. Minimale Spaltmasse bezeugen noch heute beachtliche Präzision. Und sie meißelten die Figuren und Schmuckwerk in den Stein.

Über eigens gegrabene Kanäle stakten Bootsführer die fertigen Steine zu den Baustellen.

Die Dörfer der Bauarbeiter, die um die Tempelanlagen herum entstanden, verfielen im Laufe der Jahre aufgrund politischer und religiöser Wirren. Der Dschungel hat sie ebenso überwuchert wie etliche Tempelgebäude in Angkor Wat. Wie Riesenschlangen umklammern beindicke Wurzeln von Würgefeigen die steinernen Tempel bzw. deren Ruinen. Ein jahrzehntelanger Kampf, von dem Besucher nur eine Momentaufnahme erwischen: Ein Bild wie sonst nirgends auf der Welt und eine Allegorie auf das Leben. Ein Weltwunder. Ich begreife die Faszination dieses Ortes, die...

„Look over there...“ Mike holt mich aus zeitlosen Träumereien in das 21. Jahrhundert zurück. Selbstverständlich muss ich noch wichtige Details über ein spezielles Türmchen erfahren.

Im Laufe des Tages kletterten wir über den Bayon Tempel mit den rätselhaften Gesichtern, streiften durch einen mit Würgefeigen überwucherten Tempel, dessen Namen ich vergaß und latschen nun durch den Haupttempel von Angkor Wat. Mike erzählt, dass die Silhouette des Tempels die Flagge Kambodschas ziert. Aber das wusste ich schon. Immerhin beeindruckt mich, dass die Silhouette von unterschiedlichen Standpunkten eine verschiedene Anzahl von Türmen zeigt.

Als wir abends das Tempelgelände verlassen, kommen wir an einem Invalidenorchester vorbei. Hier darf nur musizieren, wem mindestens ein Körperteil fehlt. Ich spende ein paar Dollar. Mike strahlt und dankt mir ausgiebig. Der Invalidenkapelle zu spenden scheint eine außergewöhnlich gute und geachtete Tat zu sein, eine Vitaminspritze für das Karma.

Mike erzählt nun von den zahllosen Minenopfern und Amputierten in Kambodscha. Er erzählt vom Krieg, von Verbrechen der Roten Khmer und von Menschen die fort sind und er erzählt von der Hoffnung der jungen Kambodschaner auf eine bessere Zukunft. Das erste Mal höre ich ihm aufmerksam zu und das erste Mal klingt seine Rede nicht auswendig gelernt.

Angkor Wat steht auf der Auswahlliste der neuen Weltwunder. Berechtigt? Ich bin mir eigentlich nicht ganz sicher. Vielleicht solltest du doch selbst hinfahren und dir eine eigene Meinung bilden.

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 Eintritt

Die Eintrittskarte: 20 Dollar und nur echt mit Lichtbild. Der Nutzen des Bildchens erschließt sich nur den Klügsten. - Mir aber nicht...

 

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Jürgen Scholz wünscht Gute Reise!