Krabi, ungeschminkte Schöne

Krabi

Gott schied das Wasser, das ER Meer nannte, vom trockenen Land, das fortan Erde hieß. Und Gott sah, dass es gut war.

Gerade, als ER sich zufrieden nach dem dritten Schöpfungstag in den wohl verdienten Feierabend begeben wollte, wäre ER fast über ein übrig gebliebenes Kalksteingebirge gestolpert. Irgendwo musste das noch untergebracht werden. In den Himmeln konnte es jedenfalls nicht weiter rumliegen. Schließlich ist SIE doch so pingelig… Also verkrümelte ER das Kalkgebirge verschämt hinter seinem Rücken und ließ die Krümel dezent herabfallen.

Gelandet sind die Kalksteinbrocken an und in der Andamansee, an der Westküste Thailands und Malaysias. Aus der See und aus dem Land wachsen seither bizarre Kalkwände, steile Kalkberge und einzelne Kalkbrocken von teilweise über 100 Metern Höhe. Die meiste Zeit des Tages scheinen die Felsen grau mit einem rötlichen Stich. Je nach Tageszeit und Wetter können Farbschattierungen von kräftigem rot bis hin zu tiefem blau bewundert werden. Auf der Spitze sattgrüner Bewuchs. Besonders skurril sind einzelne Felsen, deren Form mitunter an gigantische Pilze erinnert und die unmotiviert aus ebenem, allenfalls leicht hügeligen Land aufschießen. Geologisch scheint keine Verbindung zur umgebenden, schweren, roten Erde zu bestehen. Touristen nennen einige Steine „Penis-Rock“, „Grandpa does it again“ oder neuerdings „cheap Viagara“. Welche Felsen gemeint sind, klärt etwa eine Fahrt von Krabi Town zum Railey Beach oder nach Ao Nang.

Die Landschaft in der südwestlichen Provinz „Krabi“ ist mindestens spektakulär. Einige Ecken dort zählen zu den schönsten Flecken der Erde. Die zerkrümelten Felsmassive sind ohne Frage einer SEINER zahlreichen Geniestreiche.

Krabi Town hingegen enttäuscht beim Erstkontakt, jedenfalls wenn man über die Straße anreist. Die ist nämlich vierspurig, staubig und dreckig. Jede der drei Hauptstrassen nach Krabi Town ist vierspurig, staubig und dreckig. Den Ortseingang markieren lustlos gebaute, schäbige Läden und mehrstöckige Wohnhäuser in Betonbauweise, die irgendwann mal weiß gestrichen worden sind. Nun sind sie grau. Zudem wird in den Vororten gebaut. Seit Jahren schon. Auch werden die Straßen seit Jahren neu geteert. Aber nie scheint etwas fertig zu werden. Dichter Verkehr: Hino Motors, Mitsubishis, Toyotas, Isuzus, Datsuns, Hondas, Yamahas. Was auch immer die Japanische Fahrzeugindustrie in den letzten 30 Jahren produzierte, es verstopft die Ausfallstraßen in Krabi Town. Oder es steht aufgebockt vor einer der zahlreichen Werkstätten. Trostlose Aussichten aus dem Pick up, der mich in die Town fährt: Blitzen eines Schweißgerätes. Daneben brennt Altöl in einem Benzinfass. Reifenstapel und ausgeweidete, rostige Lieferwagen. Fünf Meter weiter wird auf einem staubigen Platz in Bretterbuden geschlachtetes Getier verkauft. Die Jugend spielt nebenan auf einer aufgegebenen Baustelle. Jungen klettern an rostigen Moniereisen, die aus rohem Beton ragen. Immerhin: einige Ecken in der Nähe zählen zu den schönsten Orten der Erde…

Das erste mal in Krabi. Offenbar mal wieder einer Werbemasche aufgesessen. Natürlich erwarte ich nicht, dass es haargenau aussieht wie auf dem Werbeposter in Bangkok, das mich hier hingelockt hatte. Etwas weniger prosaisch dürfte es aber doch sein. Manche Busse mit Touristen nach Krabi an Bord steuern ein kleines privates Busterminal an, etwas abseits der Innenstadt. Doch der Pick up kurvt durch die Stadt und stoppt erst am Bootsanleger an der Kongha Road. Na also, ist doch schon besser. Das westliche Ende der Stadt markieren ein paar Reisebüros und Travellerkneipen, dann kommt der Krabi River. Pittoresker Ausblick auf Mangrovensümpfe und eine Siedlung am anderen Ufer. Dem Wagen noch nicht richtig entstiegen, überfallen mich Marketingfachkräfte von Seefrachtführern: „Railey Beee Railey Beee, Railey Beeeeee“ und „Ko Phi Phi, Ko Lanta!“ „Mai chai, Guesthouse?!“ Ich werde die Kongha Road hinauf geschickt.

Gleich der erste Laden ist ein Volltreffer. Die netten Mädels an der Rezeption verstehen mein Englisch noch weniger als meine Versuche über die Thailändische Sprache, aber ich bekomme ein Zimmer für 80 Baht. Das ist sauber, klein und luftig. Das Bad ist nicht gerade schön, aber ebenfalls sauber. Um in das Zimmer zu gelangen, muss ich mich allerdings durch die Besenkammer quetschen. Sonst scheint es keinen Haken zu haben.

Der wirkliche Haken des billigen Zimmers lässt mich morgens um fünf senkrecht auf der Pritsche stehen. Die Schmerzgrenze von 120 dbA übertrifft der Lärm der Bootsmotoren auf dem Krabiriver locker. Die meisten Skipper stört das längst nicht mehr, – stocktaub nach mehreren tausend Kilometern Headbanger – Dauerbeschallung. Aber mich stört er doch, morgens um fünf, wenn die ersten Longtailboote gestartet werden, etwa 50 Meter von meinem Zimmer entfernt.

Erstaunlicherweise gewöhne ich mich schnell an den Lärm, kann sogar schlafen. Es ist kein Fehler, gerade in diesem Guesthouse einzuziehen, trotz der Bootsmotoren. Die ruhigeren Herbergen stadteinwärts verfügen nämlich nicht über solch eine Dachterrasse mit solch einem prächtigen Ausblick den Krabiriver hinauf.

Der River trennt das alte vom neuen Asien. Auf der rechten Seite wachsen Mangrovenwälder aus dem Fluss. Grazile Vögel schreiten auf der Suche nach Kleingetier am Ufer entlang, fliegen auf und landen einige Meter weiter wieder. Um das romantische Bild zu vervollständigen, stakt ab und an ein Fischer seinen Holzkahn am Ufer entlang, um seine Reusen zu inspizieren. Es riecht nach Salzwasser (und nur selten nach Abgasen).

Im Hintergrund ragen die beiden 60m hohen „Khao Kanab Nam“ – Felsen wie Torpfosten zu beiden Seiten aus dem River. – Bizarr, imposant und absolut typisch für die Landschaft um Krabi.

Die linke Seite ist Asien heute: Über die Uferstraße schieben sich Pick ups, Mopeds und Japanische Kompaktwagen. An mehrstockigen Gebäuden werben überdimensionale Reklametafeln für Toyota, Isuzu, Fuji und National (übrigens der Marktführer unter den elektrischen Reiskochern).

Vor allem prägen Stromkabel das Bild einer modernen Stadt in Thailand, der Reis muss schließlich kochen. Jedes Gebäude ist gleich mehrfach damit festgebunden. Dicke Leitungsbündel und etliche Einzelkabel führen von Haus zu Haus. Das Kabelchaos ist dabei ganz und gar undurchschaubar. Einen neuen Anschluss legen Stromversorger und Telefongesellschaft wohl direkt von Bangkok aus, weil niemand mehr den richtigen Abzweig aus dem vorhandenen Wirrwarr herausfischen könnte.

Dies versuchen aber wohl immer wieder Strom- und Telefonpiraten. Das Internet sei in Thailand so billig, weil die meisten Thais ihre Modems heimlich irgendwo zwischen klemmten – so erzählte es mir einmal ein Informatiker aus Delmenhorst – Einige zapfen allerdings versehentlich eine Starkstromleitung an und werden geröstet. Hin und wieder solle man ein verkohltes Gerippe zwischen den Kabeln sehen können. Ich halte die Geschichte für ein Märchen, sehe mir aber seither die Kabel in Thailand genauer an.

Die Dachterrasse werde ich lieben. Ich werde dort Mangos vom Markt essen, Beer Leo aus dem 7-eleven trinken und mit Jeanette aus Göteborg knutschen. Und stets vom scharfen Schnitt zwischen altem und neuen Asien fasziniert sein, den der Krabi River zieht.

Krabi Town ist wie Suatthani oder Phuket Town ein Rangierbahnhof für Touristen. Täglich werden Schiffs- und Busladungen Reisender entladen, kommissioniert und weiterverfrachtet. Wie Stückfracht bekommt jeder am Schiffsanleger einen Frachtbrief in Form eines bunten Stickers aufs T-Shirt geklebt. Die grünen Sticker gehören auf das Schiff nach Ko Lanta, die violetten in den Bus nach Bangkok. Doch wohin die gelben? Nervöse Blondinen in knappen Tops schauen sich hilfesuchend um. „Wait there, wait there!“ treibt ein schwitzender Thai eine Herde orientierungsloser Individualreisender mit gelben Stickern zu einem Berg von Rucksäcken auf der Uferpromenade. Skeptische Blicke. Nicht alle haben sich selbstbestimmtes Reisen so vorgestellt. Das komplette Chaos bricht aus, wenn morgens mehrere Schiffe und mehrere Busse gleichzeitig am Bootsanleger eintreffen. Stämmige Thais dirigieren den Hühnerhaufen wie Oberfeldwebel. Binnen weniger Minuten nimmt das Durcheinander Formen an. Thailändische Reisebüros wie Songserm oder Pornthip haben die Logistik ihres Frachtguts straff organisiert. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk beendet. Überfüllte Schiffe legen ab; voll beladene Busse fahren in einer Wolke aus Dieselqualm los.

Einige Traveller sind übrig geblieben, hocken auf dem Bordstein neben ihrem Gepäck oder trotten in eine der Kneipen an der Uferstraße. Manche warten auf ihren Anschluss in ein oder zwei Stunden und sind daher bedacht, ihren Sticker nicht zu verlieren. Andere bleiben ein paar Tage in der Stadt. Nahe des Bootsanlegers gibt es etliche Guesthouses. Dennoch ist Krabi Town kein Touristenort im engeren Sinne, sondern eher eine Stadt, die vom Tourismus geschrammt wird. Krabi Town ist eine moderne, selbstgenügsame Thailändische Stadt mit über 17.000 Einwohnern, die auch ohne Tourismus zurecht käme. Für die meisten Reisenden ist Krabi Town eine unumgängliche Relaisstation zwischen Bangkok und dem Strand. Anders als die Strände, nur ein paar Kilometer weiter, ist das, was Reisende aus den Fenstern des Busses sehen, wenn sie in die Stadt einfahren, nicht gerade einladend.

Es ist Thailand.

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