„thai-logistics“: Longtailboot nach Railey Beach

Longtailboot

Railey Beach ist nur von See aus erreichbar und eine Ansammlung großartiger Strände. Der bekannteste heißt Phra Nang Beach. Früher einmal ein echter Geheimtipp, ist der Strand heute eines der meist fotografierten Motive Thailands. Allenfalls der verehrte König ist häufiger abgelichtet.

Direkt am Strand kann der solvente Gast einen Pavillon für lumpige 200 Euro (nicht Baht!) pro Nacht mieten. Die verehrte Kundschaft des „Dusit Rayavadee“ ist vermutlich nicht sonderlich entzückt, dass sie ihren Strand noch immer mit Billigtouristen teilen muss, die etwas abseits für 5 Euro nächtigen. Zum Ausgleich sonnen die zahlungskräftigen Gäste auf bequemen Liegen, während die Billigheimer im Sand suhlen. Auch schieben folkloristisch kostümierte Hilfskräfte des Dusit Rayavadee einen Steg ins Wasser, wenn neue Gäste im klimatisierten Schnellboot des Ressorts anlanden, auf das nicht Wasser des Gastes Fuß benetze. Damit edles Schuhwerk auch vor Sand geschützt sei, ist vorsichtshalber noch ein roter Teppich am Eingang des Ressorts ausgelegt. Neuankömmlingen hängen lächelnde Mädchen in seidenen Gewändern Blumenkränze um den Hals und reichen kühle Cocktails auf silbernen Tabletts. Derweil nehmen sich Lakaien in makellosem Livree unauffällig des Gepäcks an.

„Ja, das ist typisch Thailand“, mag mancher rucksackbepackter Zeuge dieses Rituals bewundernd denken. Auch wenn ihn kurz zuvor ein verdrossener Longtailkapitän fernab des Ufers vom schwankenden Kahn ins seichte Wasser gescheucht hat. („walk, walk, it’s low tide, boat cannot go further“). Es sind diese kleinen Gesten der Gastfreundschaft, die Thailand so unvergesslich machen.

Die mächtigen Götter des Fernen Ostens wachen über den Strand. Sie schützen den gemeinen Traveller und erhalten ihm den freien Zugang zu diesem einzigartigen Kleinod. Wegen einer Grotte am Südende des Phra Nang Beach, die einen religiös und kulturhistorisch bedeutsamen Altar beherbergt, ist der Strand (noch) frei zugänglich. Aber vermutlich wetzen die weitaus mächtigeren Götter des „Return on Investment“ bereits die Messer und beantragen Exklusivrechte.

Fahr schnell hin, noch geht es.

Und eine Fahrt mit dem Longtailboot zum Beach ist kein Problem. Schon morgens sammeln Skipper und ihre Helfer laut rufend („Railey Beee, Railey Beee, Railey Beeeeee“!!!“) an der Uferpromenade in Krabi Town Passagiere ein. Wenn mindestens 5 Leute zusammen sind, geht’s los. Theoretisch. Denn es gibt „thai-logistics“, die wundersame Methode, möglichst viele Menschen möglichst lange, möglichst unkomfortabel, möglichst umständlich und möglichst gefährlich zu transportieren.

Oft schon vor der Fahrt erhalten Reisende Einblick in die Philosophie der „thai-logistics“: Mitunter fährt das eine Boot nicht, weil das andere ebenfalls nicht fährt. Oder es fährt nicht, weil das andere doch gerade fährt. Oder auf einem anderen Boot sind zu viele Passagiere. Oder zu wenige. Oder zwei Passagiere müssen von diesem Boot runter, dafür kommen zwei andere. Oder ein Boot fährt nicht, weil ein Fahrgast ganz eindeutig auf ein anderes Boot gehört. Dummerweise hatte der Fahrgast gestern schon mit einem anderen Bootsführer gesprochen. Der fährt aber heute nicht. Deshalb darf der Fahrgast hier nicht mit. Der Fahrgast bleibt aber stur sitzen. Deshalb kann das Boot jetzt nicht fahren. Ist doch logisch.

Zwar schippern die Kapitäne durch eine der grandiosesten maritimen Landschaften der Erde, besonders romantisch ist der Job jedoch nicht. Neben dem ohrenbetäubenden Krach ruiniert die Panscherei beim Tanken die Gesundheit der Bootsführer. Auf wackeligen Planken schlabbern sie munter Diesel aus schmutzigen Plastikkanistern: die eine Hälfte in den Tank, die andere über Arme und Beine. Mit der Bemerkung, das sei gut gegen Moskitos, wird der Diesel auf der Haut verrieben. Um das Boot zu steuern, muss der schwere Vierzylinder auf dem Longtail -Ausleger herumgewuchtet werden. Dabei drücken die Kapitäne mit aller Kraft, – auf rostige Ausleger und morsche Bandscheiben. Ganz profan besteht zudem noch die Gefahr, ins Wasser zu fallen und in der Andamansee zu ersaufen. Viele Bootsführer können nicht schwimmen.

Weil eine Rucksackreise nach Thailand auch immer ein wenig Abenteuer sein soll, legen zahlreiche Skipper die Sicherheitsbestimmungen eher großzügig aus. Fahrgäste und Bootsführer etwa müssen während der Fahrt Schwimmwesten tragen. Aber bei 35 Grad ist es dafür eindeutig zu heiß. Außerdem sind nur selten genügend Westen mit ausgeblichenen Plastikseilen an den verbogenen Pfosten der Dachkonstruktion geknotet. Manche Schwimmwesten sehen aus, als hätte sie bereits Vasco Da Gama an Bord gehabt.

Die etwa sieben Meter langen Longtailboote sind für maximal 12 Passagiere zugelassen. Aber wenn gerade noch ein paar kräftige Bodybuilder mit dicken Rucksäcken nach Railey wollen und fröhlich mit Geldscheinen winken, werden sie eben auch noch hineingequetscht.

Na hör mal, auf Mopeds mit 110 ccm finden in Thailand auch ganze Großfamilien bequem Platz. In engen Pick ups stecken so viele Leute, dass die hintere Stoßstange, auf der noch drei Fahrgäste stehen, über den Asphalt schrammt. Auf der Ladefläche eines Lastwagens habe ich ungelogen 86 Menschen gezählt. Nicht bei „Wetten Das“, sondern in Kanchana Buri, nordwestlich von Bangkok. Es ging nicht um einen Eintrag ins Guinnessbuch, sondern schlicht um die Fahrt zur Arbeit. Auch das ist „thai-logistics“.

Zunehmend veröden sterile Toyota Corollas mit Airbags und Katalysator das Thailändische Straßenbild. Aber es gibt noch zahlreiche Schmückstücke, die im Sinne der umfassenden Lehre der „thai-logistics“, die auch eine Art „Feng Shui“ für Fahrzeuge beinhaltet, veredelt sind. An Mopedrahmen aus mickrigem Pressblech werden kurzerhand Seitenwagen aus Baustahl geschweißt. Alten Isuzus wird das statisch notwendige Dach abgeflext, – Cabrios sind eben viel cooler. Die Bodenwanne eines durchgerosteten Nissans wird mit Beton zugegossen. Und in den Bilgen von Longtails steht natürlich Wasser. Manchmal bekommen Passagiere Schöpfkellen in die Hand gedrückt.

Dafür sind die Passagiere meist von der Landschaft entlang der Route überwältigt. Krabis Uferpromenade ist vom Boot aus hübsch anzusehen. Am Fischereihafen kreisen Schwärme von Möwen über buntbemalte, hölzerne Fischkutter. Geschäftig entladen Fischer ihren Fang und sortieren ihre Netze. Manche winken dem vorbeifahrenden Boot zu. Steuerbord eine Landzunge, auf der sich einzelne Palmen im warmen Seewind wiegen. Backbord spärliche Mangroven und eine letzte Sandbank, dann öffnet sich die See. Etwas weiter erkennt man bei klarer Sicht im Süden Ko Bu und Ko Phi Phi. Rechts zieht der Muschelfriedhof vorbei. Ein Lustobjekt für Paläontologen, für alle anderen die vielleicht ältesten Betonplatten der Welt. Das Boot stampft unrhythmisch durch die leichte Dünung, Gischt spritzt, Mädchen wischen sich lachend Salzwasser aus den Augen. Teleobjektive werden justiert.

Ein menschenleerer, kleiner Strand zur Rechten, umsäumt von salzwasserfestem Gestrüpp, dann driftet das Boot hinter der Lagune nach Steuerbord. „Ohhhs“ und „Wowwws“ und „Boahhhs“, wenn Neulinge an Bord sind. Verschlüsse von Spiegelreflexkameras klacken. Digicams surren. Wie ein Weltwunder ragen vor uns die gewaltigen Felsen des Railey Beach majestätisch aus der blauen See.

Eventuelle Zweifel an der Reise nach Fernost, Diarrhö und Gonorrhö, Moskitostiche, Sonnenbrand, thai logistics, schmuddelige Guesthouses und sogar die harten Planken des Bootes sind zumindest für diesen Moment vergessen, der aus nichts als Naturschönheit besteht. Die staubigen Ausfallstraßen in Krabi sind nur 10 Kilometer Luftlinie entfernt, und dennoch in einer fernen Galaxie.

Es ist Thailand.

Wenngleich Railey nahe scheint, dauert es noch etwa eine Viertelstunde, bis das Boot anlegt. Genügend Zeit, sich ein wenig satt zu sehen und sich an so viel Schönheit zu gewöhnen. Ein dichter Wald von Palmen, eingerahmt von Felsen. Erst nur undeutlich, dann sind darin Hütten klar erkennbar. Bei Flut fährt das Boot bis dicht ans Ufer, bei Ebbe wirft der Skipper etwa 100 Meter davor den Anker, ein krummer, rostiger Haken aus Moniereisen zumeist. Trockenen Fußes kommt man nie an Land. Schuhe ausziehen, Hosen aufkrempeln, über die Bordwand klettern und breitbeinig durch das Wasser staken.

An Land sieht es zunächst etwas profaner aus, als noch von See. Eine Kneipe, eine Internetbude, ein Laden und Bungalows. Davor jeweils ein grobes Brett auf das mit dicker Farbe „Ya-Ya Resort“ gepinselt ist. Meine Exfreundin Nic hatte mir irgendwann gemailt, ich solle Tex von ihr grüßen, falls ich mal nach Railey käme. Habe ich bis heute nicht getan. Tex betreibt eine Schule für Freeclimbing. Sein Büro liegt direkt am Ufer. Freeclimbing wäre mir viel zu anstrengend bei der Hitze. Aber meine Meinung ist nicht repräsentativ. Am Ufer laufen ständig braungebrannte Menschen herum, behangen mit Seilen, Expressschlingen, Achtern und Kreidebeuteln.

Phra Nang Beach, der wahre Strand, liegt etwas abseits. Zunächst geht es am Dusit Rayavadee vorbei. Wer Glück hat, kann seinen Sozialneid pflegen, wenn neue Gäste landen. Hinter dem Dusit geht es scharf rechts auf einen Hohlweg entlang der Felsen. Im dichten Geäst über dem Weg raschelt etwas. Manchmal huschen Affen über den Weg hinweg. Selten liegt eine fette Echse auf am Wegesrand aber meist sind es Climber, die sich an Felsen abseilen. Der Weg führt über verschlungene Baumwurzeln und zwischen Tropfsteinen hindurch. In finsteren Höhlen steht kühle, modderige Luft. Um Stalagmiten sind bunte Bänder geschlungen, daneben brennen Räucherstäbchen. Zuweilen betet hier ein Thai. Der Weg endet an einem Klohäuschen. Das hat das Rayavadee gespendet. Danke schön. Das Schild daneben „The beach is not an ashtray…“ stammt von Tex. Noch mal herzlichen Dank. Hinter einer Mülltonne noch einmal scharf rechts, dann haben Neulinge schon wieder einen Anlass für „Ohhhs“ und „Wowwws“ und „Boahhhs“.

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