Tiger Cave Temple – Einige Stufen in der Nähe von Krabi

Tiger Cave

Der Weg zum Buddha ist steil. Und hoch. – 1237 Stufen hoch, um genau zu sein. Was das wiederum bedeutet, – eintausendzweihundertsiebenunddreissig Stufen – kann sich wohl nicht vorstellen, wer gerade gemütlich vor dem PC sitzt.

Schweiß! 2 Liter! Das ist absolut nicht übertrieben. Dass ich mein Hemd alle paar Minuten auswringen muss, damit es sich wieder neu voll saugen kann, ist es auch nicht. Aus einem Fetzen Stoff habe ich ein Stirnband improvisiert. Dennoch brennt in den Augen salziges Wasser, das von der Stirn herabläuft.

Bis zur Stufe 300 schien es noch ein Spaß zu sein. Ein beschwerlicher zwar, aber eben doch ein Spaß.

Massiv Keuchen ab Stufe 350. Nicht mal ein Drittel. Die Treppe, die zur Buddhastatue oberhalb der Tigercave bei Krabi führt, die dem Berg angepasst, den die Statue krönt. Ist der Fels steil, so ist es auch die Treppe.

Stufenhöhen von 40 cm ab Stufe 350 (stärker keuchen, schwitzen, Herzschlag hämmert im Kopf). Ab Stufe 398 wieder etwas flacher. Dafür zittern jetzt die Knie.

Anfangs spornten die Nummern am Treppengeländer noch an: „Prima, schon wieder 20 Stufen geschafft!“ Inzwischen demoralisieren sie: „Scheiße – keuch -, so eine – keuch – Quälerei und – keuch, keuch – doch nur 20 – keuch – Stufen – keuch – geschafft“.

Auf einem Absatz bleiben wir stehen (keuchen, schwitzen, Knie zittern).

Zwei junge Thais in Trainingsanzügen joggen locker vorbei. Wir können es nicht glauben.

Stufe 450 ist das nächste Ziel. Als Belohnung werden wir uns dort einen Schluck Wasser gönnen. Geniale Methode. Wir wiederholen diesen brillanten Trick bei Stufe 500, 550 und 600. Dann sind unsere beiden Wasserflaschen leer. Wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen, um uns weiter zu motivieren.

Auf Stufe 650 denken wir ernsthaft darüber nach umzukehren. Das hatte ein älterer Holländer bereits auf Stufe 500 getan. „Heart“ sagte er zu uns und pochte sich mit der Faust auf den Brustkorb.

Ach, wäre es nur das Herz… „Sport“ ist für mich gleich Fußball. – Und zwar mit einem kühlen Bier vor der Glotze.

Etwa bei Stufe 700 steht ein Toilettenhäuschen. Meine Blase ist vollkommen ausgetrocknet. Alle Flüssigkeit ist bereits durch die Poren der Haut verdampft. Dickflüssiges Blut pumpt mit Hochdruck durch aufgedunsene Adern. Das Häuschen suche ich dennoch auf, um einige Schluck Wasser aus dem Hahn zu nehmen. Es ist mir egal, dass Wasser aus Thailändischen Leitungen nicht zum Trinken geeignet ist. Um nicht völlig zu dehydrieren, nehme ich das Risiko einiger Bakterien und einer beschleunigten Verdauung in Kauf.

In einer Art Trance schleppen wir uns weiter. Irgendwann sehen wir die Zahl 960 am Treppengeländer. Wie wir so hoch gekommen sind, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir drei Viertel geschafft.

Wir werden auch den Rest schaffen. Immerhin sind wir spirituell gedopt. Unten, am Fuße des Berges im Tempel der Tigercave standen wir zunächst abseits, unsicher und mit dem Vorsatz, nicht stören zu wollen, aber dennoch touristisch neugierig und beobachteten ein Segnungsritual. Vier Mönche saßen auf einem Podest, murmelten Mantras und banden gläubigen Thailändischen Pilgern Bänder aus Wolle um die Handgelenke. Die Thais rutschten ehrfürchtig auf den Knien und hielten die Hände zum Wai gefaltet vors Gesicht. Einer der Mönche winkte uns heran. Wir taten es den Thais gleich und rutschten ebenfalls mit gefalteten Händen zu den Mönchen, um uns ein Wollbändchen an den Arm knoten zu lassen. Das Bändchen, so las ich später, hindert die freie Seele, das kwan, an ihrem Bestreben, den Körper zu verlassen. Das kwan wiederum sorgt für Wohlstand, Gesundheit und Erfolg.

Wir können es also nicht nicht schaffen. Tatsächlich sehen wir ab Stufe 1.100 das Ziel. Mit wackeligen Schritten ziehen wir uns die letzten Stufen hinauf und stehen dann auf einer Baustelle. Ein Mönch dirigiert einige Bauarbeiter, die gerade Zement vögeln (letzteres ist übrigens ein Fachbegriff Deutscher Bauhandwerker für den Transport von Speiskübeln auf der Schulter und durchaus nichts Unflätiges!).

„Drink water, please“, fordert ein Schild neben einer Zapfstelle auf. Wir lassen uns nicht lange bitten und füllen unsere Flaschen.

Nachdem der Herzschlag wieder unter 250 gefallen ist und unsere Fortbewegung wieder eher einem „Gehen“ als einem „Torkeln“ gleichkommt, sehen wir uns auf dem Plateau um, auf das die Buddhastatue gebaut wird.

Ein Bauarbeiter fliest ein kleines Podest. Ein Zementkübel steht vor der meterhohen Betonstatue der Buddhas. Die wartet derweil gelassen auf ihre Vergoldung. Besucher sind herzlich eingeladen, dafür das eine oder andere Goldplättchen zu spenden.

Fast noch atemberaubender als der Aufstieg ist der Ausblick. Ich war bisher viermal in Krabi, aber so habe ich diese Stadt noch nie gesehen: Die Stadt, der Krabi River, der durch die Mangroven mäandert, weiter hinten der Railey Beach mit seinen gewaltigen Felsen, die von hier oben lächerlich wirken. Ich mache ein paar Straßen aus, auf denen ich schon gefahren bin, – mit Moped, Bus und Songtau.

Wir kommen mit zwei Australierinnen und einem Dänen ins Gespräch, die sich ebenfalls hier hoch geschleppt haben: „Wie kommt eigentlich das Baumaterial hier rauf?“ – „…nein, das kann nicht sein…“ – „…mein Gott, welch eine Quälerei…“ Unser Respekt vor den Bauarbeitern ist grenzenlos. Auf dem Rückweg entdecke ich dann doch die Seilbahn für Lasten. Der Respekt bleibt.

Wir sehen uns satt. Als sich der Herzschlag wieder unter 150 gesetzt hat und die Knie wieder einigermaßen stabil auf dem Boden stehen, machen wir uns auf den Rückweg.

Auch der ist beschwerlich. Die Knie federn nicht mehr. Jeder Schritt knallt in die Gelenke. – Bringt uns allerdings der Erde näher, von der wir glauben, dass wir ihr näher sind als dem Heiligen Ort in der Nähe der Wolken.

Froh wieder unten zu sein. Noch froher, oben gewesen zu sein.

Bin endlos erschöpft und endlos glücklich. Möchte der Welt zurufen: „Geht auf den Berg oberhalb der Tigercave in Krabi!“

Tue dies Wochen später in Deutschland, – und zwar im Internet: „Geht auf den Berg oberhalb der Tigercave in Krabi!“

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