„Ko Marten“ oder die Legende von der unberührten Insel

unberührte Insel

„Völlig unberührt, der absolute Geheimtipp, steht in keinem Reiseführer, kein einziger Tourist dort, ihr müsst unbedingt hin!“

Gerade haben wir Marten, den Holländer, auf dem Nachtmarkt kennen gelernt. Und nach drei Flaschen Chang dreht er auf wie ein Vertriebsprofi nach einem Motivationsseminar. Er preist seine Entdeckung an, als würde er eine fette Prämie kassieren, wenn er uns als Kunden dafür gewinnen kann: eine kleine Insel, etwa 20 km von Krabi entfernt, leerer Strand wie in der Reklame für Bacardi, ein größerer Felsen, etwas Grünzeug und eine Höhle.

Vier Tage, so erzählt uns Marten, habe er dort wie Robinson gelebt, dann hat ihn der Skipper, der ihn mit per Longtailboot hingefahren hatte, wieder abgeholt.

Wir wollen wissen, wie er die einsame Insel entdeckt hat. Martens Brust schwillt vor Stolz. Den hat sich Marten auch verdient.

Praktisch alle Touristen in Thailand entdecken bestenfalls solch abgeschiedene und unberührte Orte wie die Khao San Road in Bangkok, den Patong Beach auf Phuket oder den Chaweng Beach auf Ko Samui. – Mithin Orte, an denen man jederzeit fürchten muss, von Massen anderer Touris über den Haufen gerannt zu werden.

Entsprechend motzen Traveller oft und gern über den Tourismus als solchen: „Machen wir uns nichts vor: erst durch den Tourismus verlieren Land und Leute ihre Ursprünglichkeit.“ Und sie schwärmen vom Unmöglichen: „Stell dir vor, wie es hier (= Khao San Road / Patong Beach / Chaweng Beach) ohne Tourismus aussähe.“

Und alle träumen von der Ursprünglichkeit Asiens, träumen davon, als erster Europäer in einem Dorf, an einem Strand aufzutauchen. Wirklich Erster sein, und die persönliche Flagge dort zu hissen. Vielleicht in einen Felsen ritzen: „Erwin Schibulsky was here, April 1971.“

Entdeckerstolz! Darum geht es.

Und es geht um die Sehnsucht, eben nicht wie Hinz und Kunz aus aller Welt zwischen Hinz und Kunz aus aller Welt an einem Strand herumzuliegen, den jeder Hinz und Kunz in aller Welt als Massenware aus austauschbaren Reisekatalogen kennt.

Und es geht manchmal während einer Reise in Asien einfach um Ruhe. Die zu finden, ist im überbrodelnden Thailand fast nicht möglich: Egal wohin du auch fährst oder gehst: überall, wirklich überall ist schon wer.

Entdeckerstolz, Individualismus und Ruhe. Drei Motive, die den Traum von der einsamen Insel speisen. Daheim in Diepholz oder Oebisfelde ist dieser Traum abstrakt und und paradiesische Inseln sind weit entfernt.

Aber in Thailand sollte er doch hinter der nächsten Ecke zu verwirklichen sein.

Die Siebziger, als einer Binsenweisheit zufolge, in Thailand jeder Farang jeden Tag neue unbekannte Tropenparadiese entdeckte, sind lange vorbei. Aber der Mythos der unberührten Insel ist zum Allgemeingut der Traveller geworden: langer weißer Strand, Kokospalmen, klares, türkisfarbenes Wasser und kein Mensch (allenfalls ein attraktiver zum knutschen).

Also könnt ihr in Travellerkneipen zwischen Chiang Rai und Singapur jeden Tag mehrfach diesen Satz belauschen: „Mal ehrlich, wer glaubt denn, dass heute wirklich schon alles abgegrast ist. Ich wette, irgendwo in der Andamansee oder im Golf von Siam gibt es noch so manches Schmuckstück, das bislang einfach übersehen wurde.“

Und Legenden und Geschichten werden gesponnen, von eben diesem Strand, der es einfach ist. Und verfilmt worden ist Ganze selbstredend auch schon. Ist eben der kollektive Sehnsuchtsmythos aller Reisenden in Südostasien. – Ja, träumt nur weiter.

Marten ist vor einigen Tagen mit Kapitänen von Longtailbooten ins Gespräch gekommen. Die Seefahrer beackern sonst die Linie Krabi – Railey. Ob es Spaß macht, immer die gleiche Tour zu fahren, fragt Marten. Ob es Spaß macht, immer am selben Strand zu liegen, fragen die Seeleute. Einer der Bootsführer erzählt etwas von einer kleinen Insel, weiter draußen auf See, wohin nie ein Tourist kommt. Marten wird hellhörig. Er bucht spontan eine Besichtigungsfahrt zu dem Eiland. Am nächsten Tag checkt er in seinem Gästehaus aus. Er kauft Lebensmittel und mehrere Kanister mit Trinkwasser. Gegen Mittag ist er auf der Insel. Ab jetzt darf er sich in eine Reihe mit allen großen Abenteurern der Geschichte stellen. Allein auf einer Tropeninsel. Wer hat das schon im Lebenslauf?

Um präzise zu sein, darf Marten dieses Gefühl vier Tage lang auskosten. Denn dann wird ihn der Bootsführer wieder abholen.

Klar, meint Marten, sei die Passage zu dieser Insel nicht für die 70 Baht zu haben, wie die Fahrt zum touristisch versauten Railey Beach. Immerhin ist es viel weiter, der Skipper müsse zudem leer zurück. „Tausend“, beantwortet er die Frage nach einem genauen Betrag. Mehr als 20 Euro, aber dafür gibt es auch ein exklusives Erlebnis. „Ihr könnt zunächst eine Besichtigungsfahrt machen. Wenn’s gefällt, fahrt ihr am nächsten Tag mit der gesamten Ausrüstung hin“ („2000 Baht!!!“ warnt entsetzt mein Ökonomenhirn, das sonst in Thailand friedlich schlummert, beginnt aber dann ganz nüchtern, einige Übernachtungen von diesem Betrag abzuziehen…).

„Hat die Insel einen Namen?“

Nach dieser Frage, auf die er bestimmt gewartet hatte, lehnt sich Marten genüsslich zurück und zieht die Kunstpause lang wie den Mekongfluss.

„Weil ich der Erste dort war, habe ich beschlossen, sie Ko Marten, also Martens Insel, zu nennen.“

Vor Lachen spucke ich fast in mein Bier.

Meine Liebste wendet ein, einer der Bootsführer habe die Insel doch vor ihm entdeckt, weshalb der Ort nach dessen Namen zum Beispiel „Ko Naphon“ oder „Ko Thanom“ heißen müsse. Zwar kann Marten nach vier Flaschen Chang nicht mehr sauber argumentieren, aber das lässt er nicht gelten.

Da uns aber an diesem netten Abend nicht nach Zwist ist, heißt das ultimative Tropenparadies also „Ko Marten“.

Am nächsten Tag versuchen wir eine Passage nach Ko Marten zu bekommen. Die Jungs am Bootsanleger wollen uns aber erst mal auf einen Kahn nach Railey Beach schleppen. Da wir stur bleiben, werden wir zu Abdullha geschickt, einem jungen Kerl, der auf seinem Boot am Motor schraubt.

Abdullha kennt die Insel und er ist auch bereit, uns dort hin zu fahren. Dass der Trip 1.000 Baht kosten soll, überrascht uns nicht.

Wir fahren am Railey Beach vorbei. Die Tour hat bisher 45 Minuten gedauert. Das Boot wird zunehmend unbequem. Wir fahren am Chicken Island vorbei, das seinem Namen seiner Silhouette verdankt. Vom Festland her wirkt das Eiland wie ein brütendes Huhn. Die Planken des Bootes werden immer härter. Während wir darauf hin und her rutschen, steht Abdullha gelassen an dem Ausleger, der Motor und Ruder trägt. Nicht mehr weit, ruft er uns zu.

Wir halten auf einen Felsen zu und vermuten ganz richtig, dass dies unser Ziel ist. Ein Felsen im Wasser, kaum würdig, als vollwertige Insel bezeichnet zu werden. Als wir näher kommen, machen wir einen Sandstrand von vielleicht 150 Metern Länge aus. Immerhin. Es gibt nicht eine einzige Kokospalme. Werbespots für Bacardi, Bounty oder Langnese werden hier garantiert nicht gedreht. Zwar nicht wirklich schlecht, aber auch nicht das materialisierte Klischeebild vom tropischen Inselparadies.

Wir landen. Abdullha springt vom Boot und legt die Ankerleine aus. Dann klettern wir über die Bordwand. Das Wasser ist erwartungsgemäß warm wie in einer Babybadewanne und beachtlich klar und türkisfarben. Nachdem wir an den Strand gewatet sind, sehen wir uns etwas ratlos um. Unser Kapitän hockt derweil unter einem Felsvorsprung im Schatten und raucht.

Marten hat erzählt, man könne das Eiland gemütlich zu Fuß umrunden. Kann man jetzt aber nicht. Es ist Flut. Das Wasser steht zu hoch. Rechts und links des Strands versperren kleine Felsen den Weg. Bei Ebbe mag es gehen mit dem Gehen.

Landschaftlich ist es nicht sonderlich spektakulär. Felsen, Sand und etwas Gestrüpp. Wenn dies ein Film wäre, so wäre das Eiland entschieden größer, auf einer hochgelegenen Ebene wäre eine Cannabisplantage und auf der anderen Inselseite ein geheimes Hippiecamp. Aber derlei gibt es hier nicht.

„Möchtest du hier ein paar Tage bleiben?“ fragt meine Liebste zweifelnd.

„Hast du schon herausgefunden, wo hier der 7-eleven Laden ist?“ gebe ich zurück.

Was macht man hier? Im viel zu warmen Wasser plantschen? Das ist vielleicht eine halbe Stunde lang vergnüglich. Und dann? Rumsitzen und aufs Meer blicken. Ist für ein paar Stunden auch amüsant. Aber ein Tag hat bekanntlich 24 Stunden. Zwei Tage haben 48 Stunden usw. Was also macht man hier die ganze Zeit?

Träumen wir wirklich von einer einsamen Insel? Wollen wir da wirklich hin? Selbst wenn das Eiland nicht so öde wäre wie dieses hier ist: Ist es tatsächlich paradiesisch, hier tage- oder wochenlang wie Robinson zu leben?

Wir ergehen uns in allerlei Horrorvisionen. Abdullha sitzt inzwischen wieder auf dem Boot und werkelt am Motor herum. Ob alles ok sei, rufe ich ihm fragend zu. Das Kühlwassersystem sei undicht, gibt er zurück, kein Problem. Das Boot kommt locker wieder heim.

Wenn Abdullha nun einfach den Motor startet und ohne uns wegfährt? Wir haben im Voraus bezahlt…

Den törichten Gedanken, Abdullha könne der al-Qaida nahe stehen, verwerfen wir schnell wieder. Arabische Namen sind in Südthailand mit reichlich muslimischer Bevölkerung nicht ungewöhnlich. Fast alle Muslime sind dort friedlich und freundlich.

Aber vielleicht gibt hier Piraten, diese modere Variante, mit Schnellbooten und Maschinengewehren. In der Straße von Melakka, zwischen Malaysia und Indonesien treiben sie ihr Unwesen. Aber die Straße von Melakka ist mehr als 1.000 km weit entfernt.

Als keiner, aber dennoch realisierbarer Albtraum für zwischendurch bleibt die Vorstellung schwerer Tropenstürme, die der Insel auch das letzte bisschen an Romantik austreiben.

Abdullha hat das Boot inzwischen wieder verlassen und sitzt wieder rauchend im Schatten. Wir sehen uns den zugänglichen Teil der Insel genauer an. Wie Marten es beschrieben hat, gibt es eine Höhle. Neben dem Eingang liegen zwei leere Coladosen.

Neben anderem Müll finden wir etwas weiter die Verpackung eines Kondoms. „Hat Marten nicht gesagt, er sein allein auf der Insel gewesen?“

Meine Liebste grinst mich an: „Klar. Und er hat auch gesagt, dass er der Erste auf der Insel war. Vermutlich liegt weiter hinten in der Höhle noch eine Bildzeitung vom vorletzten Jahr.“

Weil wir vermuten, dass dort aber in erster Linie Schlangen liegen, die sich von Touristen ernähren, verzichten wir auf eine tiefergehende Inspektion der Höhle.

Es genügt. Wir besteigen das Boot. Abdullha dreht noch eine Runde um die Insel. Wir können uns davon überzeugen, dass es hier weder eine Cannabisplantage noch ein geheimes Hippiecamp gibt.

Später sehen wir die Insel auf Seekarten eingezeichnet. Marten hat somit jedenfalls kein absolutes Neuland gefunden. Aber das überrascht uns nicht. Vermutlich kennen auch mehrere Investorengruppen die Insel. Ich schätze, nach einem kurzen Besuch haben die sich entschieden, hier kein Ferienressort zu bauen. Zu klein, zu wenig Platz und nicht wirklich so wie das Traumbild.

Während sich auf der Halbinsel am Railey Beach die komplette touristische Infrastruktur zwischen Palmen dick und breit machen kann, passt hier höchstens ein Strandcafe hin. Es wird sich nicht lohnen, die paar Flaschen Cola und Singha, die hier getrunken würden, aufwändig per Boot hier her zu schaffen.

Wir spinnen uns eine nette Verschwörungstheorie zusammen: Danach gibt sich Marten nicht nur wie ein Vertriebsprofi, er ist tatsächlich einer. Er zieht durch Travellerkneipen und über Nachtmärkte, verbreitet diese Legende von „Ko Marten“ und macht Touristen heiß auf ein kleines unberührtes Paradies vor der Küste. Die Touris wiederum buchen eine überteuerte Bootsfahrt bei einem ansonsten gelangweilten Skipper. Der Skipper teilt seinen Gewinn mit Marten.

Dennoch: Die Fahrt hat sich gelohnt. Immerhin wissen wir nun etwas genauer, was wir von einer Reise nach Thailand wirklich wollen. Zum Beispiel auf einem überhitzen Nachtmarkt, inmitten von Asiatischem Gewusel, bei einer Portion Basilleaves in Oystersauce und einem kalten Bier von unberührten Paradiesen träumen.

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