Dies ist keine Reklame,
sondern nur die Wahrheit über ein kleines Fahrzeug

Moped Thailand

Dafür habe ich ein Verbrechen begangen. Aber ich musste es einfache haben und legal ist es nicht zu bekommen. Jedenfalls für einen Farang.

Zur Grundausstattung eines Thailändischen Ortes gehört einer dieser typischen, zur Straße hin offenen, mit hochglänzenden Kacheln gefliesten Showrooms, in denen kleine Motorräder wie an Perlenschnüren aufgereiht stehen. Dort kannst du jemanden vom Personal ansprechen und dabei all deine Thai-Höflichkeitsfloskeln absondern. Doch ganz gleich, ob du eher devot auftrittst, den Menschen von Welt gibst oder einfach nur du selbst bist: Mehr als ein höfliches Lächeln bekommst du nicht. „No Sir“ entgegnet der Angestellte der Honda-Vertretung und erlaubt mir nicht, einen lausigen Prospekt einzustecken.

Genau: das Objekt meiner Begierde ist ein lumpiger Reklameprospekt. Also eben das Zeug, das in Deutschland derart wertlos ist, dass es die Abfallmafia in meinem Briefkasten täglich aufs Neue endlagert. Es geht um 4 Seiten DIN A 4 querformat gefaltet, Offset Glanzpapier 130 gr., 4 – farb Druck. Herstellkosten pro Stück bei 100.000er Auflage: unter 10 Cent.

Das sind 10 Cent reiner Streuverlust. Versunkene Kosten, die nie mehr als strahlender Return on Investment auftauchen werden und die Bilanz der Honda Motor Co. Ltd verhageln wie ein Sommergewitter die Bayerische Heuernte. Betriebswirtschaftlich kann ich dem Folgen: Kein Farang im Touristenoutfit wird je eines der beworbenen Objekte kaufen. Also kriegt ein Farang auch keinen Prospekt.

Selbstverständlich könnte ich in der Hondavertretung fragen, ob ich einen Werbeträger kaufen könnte, für vielleicht 10 Baht, was mehr als kostendeckend wäre. Aber das wiederum würde meine persönliche Bilanz ruinieren: Für kostenlose Werbeprospekte zahle ich prinzipiell nicht.

Also bleibt nur der Diebstahl. Wobei wiederum juristisch umstritten ist, ob die Entwendung eines an sich kostenlosen Reklameflyers überhaupt ein Diebstahl sein kann.

Einen gewissen Sammlerwert haben Prospekte einiger Europäischer Sport- und Luxuswagen, die auch im Farangland nicht jedem hergelaufenen Touristen überreicht werden. Aber mein Diebesgut bewirbt keine exklusive Edelkarosse, sondern einen massenproduzierten, unscheinbaren Haufen Blech und Plastik, um ein mickriges Löchlein von 110 Kubikzentimetern geschraubt. Ein hässliches Entlein auf zwei Rädern. In Thailand und etlichen anderen Ländern dieser Erde steht es dutzendfach an jeder Ecke. Beim Deutschen Motorradtreff ginge das kleine Maschinchen unter, aber wahre Größe wird weder in Kilo, noch in Kubikzentimetern oder Pferdestärken gemessen.

Denn es ist nicht irgendein kleines Moped. Es ist das meistverkaufte Kraftfahrzeug des Sonnensystems. Es ist der wahre Drittweltbeweger. Es mobilisiert die Armen des Planeten und ist das großartigste Motorrad überhaupt, meint der Discovery Chanel und verweist Pretiziosen von Harley-Davidson oder Ducati auf die Plätze.

In Thailand heißt die kleine Honda „Wave“, andernorts „XE“ „NF“ „Astrea“ „Innova“ „EX 5“ „Dream“ oder nach der Ursprungsausführung „Cub“, was bei der Markteinführung Ende der 50er für „Cheap Urban Bike“ – Billiges Stadt Motorrad – stand. 50 Millionen Billige Stadt Motorräder wurden bis heute in verschiedensten Varianten und Ausführungen verkauft. Absoluter Weltrekord. Jede Ecke der Erde bekommt die passende Ausführung: In aufstrebenden Schwellenländern wie Thailand erfreuen Extras wie elektrischer Anlasser, Scheibenbremsen und digitale Anzeigen den Piloten. Im armen Schwarzafrika müssen Kickstarter, Bremstrommeln und Uhrentacho genügen.

Manchmal scheint es, als rolle die gesamte Produktion über die Straßen Südostasiens. In Thailand prägen die Hondas das Straßen- und Stadtbild weit nachhaltiger als Tempel oder Garküchen. Die Dinger sind überall, selbst mitten im Dschungel, und jeder ist damit unterwegs.

Das “ Billige Stadt Motorrad“ ist ein Symbol zaghaften Wohlstandes. Was skurrile Kleinwagen, VW Käfer, 2 CV und Fiat 500 im Nachkriegseuropa waren, ist die kleine Honda Wave im boomenden Südostasien: gleichermaßen Folge und Schrittmacher wirtschaftlicher Entwicklung.

Die Honda ist aber mehr noch ein Symbol fröhlicher Anarchie. Solange kein Unfall passiert, gilt die vollkommene Freiheit, so als gäbe es ein verfassungsmäßig verbrieftes Recht auf uneingeschränkte Nutzung seines Zweirades in Thailand: Mach mit dem Ding, was du willst und packe drauf, was geht. Tagtäglich loten Millionen Asiaten die Grenzen des kleinen Fahrzeuges aufs Neue aus. Das Vergnügen teilt man gern. Drei Personen sind fast normale Besatzung. Auch vier Personen besetzen gerne die schmale Sitzbank. Das heißt, drei sitzen auf der Bank, der Kleinste kauert meist rittlings im Durchstieg. Eher selten siehst du in Thailand fünf Menschen auf einem solchen Moped; und wenn, dann sind es allesamt Kinder. Das älteste steuert die Fuhre.   Ansonsten wird die Fuhre mit allem möglichen Plunder bepackt, bis sie umkippt oder die schmalen Reifen platzen. Transportiert wird, was transportiert werden kann. Zur Not schraubt der örtliche Schlosser einen Seitenwagen an, den er aus Baustahl, Brettern und den Überresten verschrotteter Maschinen baut. Je nach Talent des Schraubers sind die Kisten manchmal genial, manchmal haarsträubend und manchmal eine Waffe.

Etliche Fahrerinnen und Fahrer wissen nicht einmal, dass sie eigentlich einen Führerschein benötigen. Aber das ist ohnehin Bürokratentheorie. Als fahrtüchtig gilt offenbar, wer den Anlasserknopf drücken kann, also praktisch jeder. Kinder, deren Arme kaum zum Lenker reichen, pilotieren eine Honda ebenso wie steinalte Greisinnen. Entsprechend gelten Verkehrsregeln eher als Option.

Beispielsweise gilt in Thailand Helmpflicht. Wenn du letztens in Thailand warst, wirst du das kaum glauben. Schließlich sind Hunderttausende Hondas um dich herum geschwirrt. Helme hast du jedoch höchstens eine Handvoll gesehen. Unterm Kopfschutz stecken meist auch noch Farangköpfe, – von Westlichen Kampagnen zur Verkehrssicherheit hinreichend verängstigt.

Weil täglich bestes Mopedwetter zu einer Ausfahrt lockt und an jeder Ecke Hondas für günstige 200 Baht, also rund 4 Euro, vermietet werden, eiern unzählige Farangs mit diesen Gefährten durch Thailand. Manche, wie erwähnt, mit Helm auf dem Kopf und Verstand darin, ein paar aber auch mit Alkohol oder Drogen in selbigem. Wie der Spiegel meldet, starben im Jahr 2006 insgesamt etwa 160 Deutsche in Thailand, „viele durch leichtsinniges Verhalten“. Verkehrsunfälle sind die zweithäufigste Todesursache.

Doch das ist vollkommen egal, wenn du die Honda über die Serpentinenstraße im Süden Ko Changs scheuchst. Oder von Chiang Mai in kühlen Berge fährst. Oder früh morgens die kurvige Straße von Krabi Town zur Ao Nang School hinunter bretterst. Schmale Thailändische Straßen passen dem kleinen Fahrzeug wie ein Maßanzug.

Die Honda hat 110 ccm und leistet um die 10 PS. Spitze 80 – 90 km/h, je nach Straßenzustand und Wind. Beschleunigung jenseits von Gut und Böse. Die Papierform klingt genau so langweilig, wie die Plastikverschalung aussieht.

Seine wahren Werte offenbart der Motor unmittelbar nach dem Starten. Schon im Leerlauf überzeugt der pausbäckige Viertakter mit lässigem, souveränem und selbstbewusstem Sound. Die gefühlte Leistung übersteigt die tatsächliche um Längen. Kaum zu glauben, dass so wenig Hubraum so viel Fahrspaß produziert. Mehr geht nicht aus 110 Kubik. Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das gerade mal 2 Liter Benzin auf 100 Kilometern verbraucht und praktisch nie kaputt geht.

Seinen Welterfolg verdankt die Kiste aber nicht in erster Linie dem großartigen Motor, sondern der Schaltung. Denn die lässt sich dank Wipphebel mit Schlappen, Flip-Flops und zur Not sogar barfuss betätigen. Überflüssigen Schnickschnack wie einen Kupplungshebel haben die Konstrukteure gleich weg gelassen. Du brauchst also keine spezielle Ausrüstung für dein Moped, sondern fährst einfach mit dem, was du gerade an hast. Also kurzen Hosen und Schlappen.

Allein das Fahrwerk ist so schlecht, wie es aussieht. Ab etwa 70 km/h wird die Fuhre zunehmend ungemütlich.

In Deutschland gibt es das Fahrzeug nicht zu kaufen. In Belgien wird sie jedoch als „Honda Innova“ für rund 2.100 Euro angeboten. Ein Grauimport wäre somit möglich, aber ziemlich unsinnig. Erstens ist das viel zu teuer. In Thailand kostet die Maschine nicht mal die Hälfte. Zweitens ist so ein Ding auf Deutschen Straßen deplaziert. Entspanntes Crusien mit 110 Kubik auf dem Ruhrschnellweg?! Absurd!

Die kleine Honda macht ihren Fahrer nur in ihrem natürlichen Lebensraum glücklich. Und das sind nun mal schmale, kurvige Asiatische Straßen. Habe ich eigentlich schon mal berichtet, wie ich mit einer gemieteten Honda den River Kwai entlang gefahren bin, oder im Thailändisch – Kambodschanischen Grenzgebiet in Orte, die nie ein Farang zuvor betreten hat, oder wie ich mich mal im Dschungel auf Ko Chang verfahren hatte und anhand des Sonnenstandes heim navigierte, oder auf Ko Lanta, dieses verwegene Rennen mit einem halbstarken Thai…

Nachsatz: Die Honda Motor Co. Ltd bezahlt mich NICHT für die Lobpreisung eines ihrer Mopeds. Dennoch denke ich, dass wir nach diesem Artikel mehr aus quitt sind. Wegen des geklauten Prospektes für 10 Cent, meine ich…

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