Reisebericht: Mopedunfall (Thai Tattoo)

Mopedunfall

Mein linkes Bein sieht aus wie ein frischer Spieß roher Döner Kebab. Mit Gewürzmischung aus Sand, Dreck und Steinchen. „Mit extra scharfer Soße?“ „Yessir, doppelt!“

Nach ein paar Tagen wird es aussehen wie ein Dönerspieß, der zu lange um die Heizspirale gekreist ist. Die Heizspirale wird gleich eingeschaltet.

Benommen stehe ich neben dem Moped, das wie ein verendendes Tier am Straßenrand liegt. Für Schäden hafte ich bis zu 50.000 Baht. Den Vertrag hatte ich leichtfertig unterzeichnet, als ich die Kiste vor wenigen Stunden übernahm. Wegen des unerhörten Geldbetrags sorge ich mich bis – scheiße – scheiße – scheiße – die Heizspirale vor meinem Bein eingeschaltet wird.

Ein junger Thai kommt über die Straße gelaufen und bietet seine Hilfe an. Er bedeutet mir, eine Hütte auf der anderen Straßenseite aufzusuchen, hebt das Moped auf, drückt den Starter und lässt meine persönlich Glücksmelodie erklingen: Das Viertakttuckern macht mich um 50.000 Baht reicher. Dann schwingt er sich auf die Karre und fährt über die Straße.

Das Bein verwandelt sich von Döner in Steak blutig.

Mit einem Sarong putze ich das Blut ab. Mein neuer Freund, er hat sich als „Gkhao“ , Nummer Neun, vorgestellt, redet vom „Hospital“ und deutet auf seinen Pickup. Mein Bein blutet heftig. Hospital klingt gut; ich steige ein. Ich stelle mich auf eine längere Fahrt ein, doch das Hospital befindet sich um die sprichwörtliche Straßenecke. Dahin hätte ich bequem laufen, bzw. humpeln können.

Das Hospital nennt sich selbst „Clinic“ und ist einer dieser typischen Thailändischen Neubauläden: ein großer, zur Straße hin offener Raum wie eine Garage. Nebenan eine Kneipe und daneben ein Fachgeschäft für Gerümpel.

Hinten in der Klinik zeigt eine Glotze Amerikanische Trickfilme, die ein gelangweilter Junge reglos anstarrt. Im Eingangsbereich verrottet der Kadaver einer Libelle.

Immerhin, die Schwester stahlt ruhige Kompetenz aus und weist auf eine Liege hinter einem lustlosen Vorhang. Von der aus habe ich einen soliden Blick auf Duffy Duck und Bugs Bunny, die sich im Fernseher tollen.

Die Schwester kramt in einem Schrank mit Medikamenten und ich denke an einen Film, der „40 Gewehre am Rio Pecos“ heißen könnte und in dem John Wayne mit zerschossenen Bein seine Kumpane anherrscht: „Hank, besorg’ den Bourbon, Slim geh in den Schuppen und hol die Säge!“ „Aber Boss…“, entgegnet der käsige Slim zaghaft. „Tu, was ich dir sage“, bellt der Duke mit schmerzverzerrtem Gesicht: „das Bein ist brandig wie mein Zigarrenstummel.“

Die Schwester reinigt und versorgt die Wunden professionell. Sie entlässt mich nach einer halben Stunden mit einem beindruckendem Verband, einem Zettel mit mehreren Terminen in den kommenden Tagen und einer Rechnung über 1.200 Baht, das ist aber nur die erste Rate.

„Ouuuhh?!“, fragen mich Thais in den nächsten Tagen und zeigen auf mein Bein. „Motorbike!“ „Ahhh!“, entgegnet der Frager, nunmehr wissend.

Später erzählt mir eine Thai, dass ständig Farangs vom Moped fallen, wenngleich auch zahlreiche Einheimische Unfälle haben. „Mopedunfälle sind in Thailand normal“. Punkt.

Ein bandagierter Engländer (ich sehe inzwischen Massen verbundener Farangarme und –beine, – selektive Wahrnehmung) begrüßt mich: “Welcome to the brotherhood of Thai Tattoo!“ Ihm hatte ein Pickupfahrer die Vorfahrt genommen und ist danach abgehauen. Kein Farang kann sich Thai Nummernschilder merken. Auf Thailands Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Lkw fahren ganz oben in der Hierarchie, Mopeds ganz unten und scheuchen gleichwohl noch Fußgänger an den Straßenrand.

Meinen Fall verdanke ich den Reifen. Zwar hatte ich nach dem Profil gesehen und das war in Ordnung. Aber der Luftdruck war es nicht. In einer sandigen Kurve außerhalb von Khao Lak ist die Fuhre weggerutscht. Mit nicht einmal 20 km/h.

Die Krankenschwester bemerkt am nächsten Tag eine Infektion, gegen die sie mir Dicloxan, ein Antibiotikum verkauft. Die Wundversorgung ist schmerzhaft aber immerhin unterhaltsam.

Die Wunde heilt schlecht. Das liegt an der feuchten Luft, weiß meine Belgische Nachbarin, die übrigens Opfer einer Katzenattacke wurde. „Ein ganz süßes Tierchen“, sagt sie. Nun hat sie einen Unterarm verbunden. Mein Guesthouse wird zur Krankenstation. Ihre Wunde ist nicht wirklich schlimm, dennoch suchte sie einen Arzt auf und hat sich gegen Tetanus impfen lassen. „Du weißt nie, was so ein Tier so hat“.

In sämtlichen Touristenvierteln kurieren Kliniken, Ärzte und Hospitals ausländische Gäste. Hier in Khao Lak hat sie die Wahl zwischen mehreren. Ihre Wahl fiel auf einen Mediziner namens Dr. Cusack. Der hatte auch schon mal meinen Onkel von einer Mittelohrentzündung befreit.

Nach einer Woche verlasse ich Khao Lak und fliege nach Bangkok. In einer Apotheke im Khao San Viertel will ich Verbandszeug besorgen. Die Apothekerin sieht sich die Wunde an und klärt mich über mein Antibiotikum auf, das nicht angeschlagen hat. Das Zeug sei nur gut für Thais, Farangs brauchen etwas anderes. Glücklicherweise hat sie genau das richtige und sie verkauft es mir auch gern.

Überhaupt empfiehlt sie, sollten Westler spezielle Touristenmediziner aufsuchen, die allenthalben in Tourivierteln praktizieren. Wer ernsthaft krank sei, solle in Bangkok zum Christlichen Hospital in der Silom Road gehen, hier arbeiteten Spezialisten für Farangbeschwerden.

Nach zwei Wochen und genau einen Tag vor dem Heimflug ist die Wunde zugeheilt. Die Apothekerin hatte mir allerlei Medizin und Wundpflegeplunder verkauft, das tatsächlich gut half.

Insgesamt hatte mich der Unfall rund 100 Euro gekostet.

Auf der Habenseite konnte ich Geld für weitere Mopedmiete sparen, denn von Mopeds bin ich derzeit ebenfalls kuriert. Auch teure alkoholische Getränke hatte ich wegen des Antibiotikums durch preiswertes Wasser ersetzt.

Wenn es mir dann noch gelingt, von meiner Krankenversicherung die Behandlungskosten zurück zu bekommen, könnte der Unfall ökonomisch sogar nützlich sein.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

2 thoughts on “Reisebericht 18 – Mopedunfall

  • 30. Dezember 2015 bei 13:07
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    Hallo, habe gerade den Reisereport Mopedunfall gelesen. Ich bin inzwischen auf einen 15 Jahre alten SUV umgestiegen, ist tatsächlich viel sicherer. By the way: woher stammen die hübschen Schwestern ? In Chiang Mai hatten mich meine Thai Freunde in eine Restaurantkneipe mitgeschlappt, die auch solche Mädels beschäftigt. Habe darüber geschrieben. Im Übrigen hatte ich Thaiminator schon mal auf meinem account google+ lobend erwähnt.
    Gruß auch Chiang Mai, Reinhard Servas

    • 31. Januar 2016 bei 18:53
      Permalink

      Die hübschen Schwestern liefen durch Bangkok und warben für einen Drink, der „Bloody irgendwas“ hieß. „Good 4 your health, Sir“… Bestimmt. Ich habe das Zeug nicht probiert.

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