Reisebericht: Eisenbahn fahren in Thailand

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So zeigt das Deutsche Fernsehen die Thailändische Eisenbahn: Schwenk durch den Eastern & Oriental Express, auf dem Weg von Bangkok über Kuala Lumpur nach Singapur. Edle Hölzer, feinstes Tuch und dicke Teppiche. In den üppigen Sesseln sitzen gepflegte Herren und rauchen Havannas, derweil die Damen den neusten Klatsch aus dem Lions Club austauschen.

Schnitt auf die hintere Aussichtsplattform, auf der TV-Göttinnen wie Barbara Wussow oder Vollweib Christine Neubauer neben einem ebenso braungebrannten Dauergrinser mit Fönfrisur stehen und der Sonne zusehen, wie sie hinter einer Dschungellandschaft versinkt. Die Dame weist auf den Horizont: „Dort vorne ist die Schule, in der ich armen Asiatischen Waisenkindern Rechnen und Schreiben beibringe. Ach Liebster, willst du nicht mit mir dort hinkommen?“ Der Satz ist Auftakt für ein herzerweichendes Beziehungsdrama unter Palmen. – Genau so ist die Thailändische Eisenbahn, jedenfalls sonntags ab 20.15 im ZDF.

Sonntags ab 20.15 in Bangkok ist die Thailändische Eisenbahn nur geringfügig anders. Zu dieser Zeit fahren die Nachtzüge in die Ecken des Landes los, die sie am nächsten Morgen erreichen werden. Noch bevor sich ihr Zug in Bewegung setzt, können Kunden der Thailändischen Bahn liebe Vorurteile wiederlegen, – etwa das, die Bahn sei besonders umweltfreundlich. Tatsächlich umqualmen Schwaden von Dieselabgasen die meisten Züge schon an den Bahnsteigen. Keine Bahnstrecke Thailand ist elektrifiziert. Daher wummern nicht nur in den Loks Dieselmotoren, sondern auch unter jedem Personenwagen, um den Strom für die Beleuchtung und vor allem für die Klimaanlage zu produzieren.

Auch das Klischee überfüllter Drittweltbahnen wiederlegt ein modernes Online Buchungssystem. Das sorgt dafür, dass jeder Fahrgast einen Sitz unter dem Hintern hat. Allerdings sind die Sitze speziell in der Dritten Klasse vollkommen komfortbefreit. Aber verweichlichte Westler fahren in der Dritten ohnehin nur Kurzstrecken und strecken sich auf Langstrecken lieber lang auf den Liegen der klimatisierten ersten und Zweiten.

Es kann ja sein, dass du Probleme mit deinem Karma hast und dir eine Buße auferlegt hast. Oder du hast Probleme mit deinen Finanzen und musst jede Gelegenheit zum Brutalsparen nutzen. Dann ist die Dritte Klasse genau die richtige Wahl. Echte Asketen bürden sich eine lange Nachtfahrt in der Dritten auf und schwärmen meist noch lange von diesem entbehrungsreichen Erlebnis, das sie für ein paar Baht bekommen. Vermutlich ist sogar Laufen teurer, wenngleich nicht so unkomfortabel.

Vor Jahren hatte ich einmal eine Nachtfahrt in der Dritten gebucht. Klimaanlage hielt ich für überflüssig, der Fahrtwind weht schließlich durch offene Fenster und sorgt für frische Luft. Dachte ich wenigstens. Tatsächlich bläst ein gigantischer Fön einen brüllend heißen Tropensturm durch die Luken und treibt den Passagieren den Schweiß auf die Stirn. Ökonomisch ist die Dritte ein Flop: Das am Ticket gesparte Geld fließt in eisgekühlte Getränke. Praktischerweise steigen an vielen Stationen wonnige Frauen und hagere Männer mit orangefarbenen Plastikeimern und großen Taschen zu, laufen durch den Zug und verkaufen kühle Getränke oder Essbares.

Der Sitzkomfort in der Dritten ist nach etwa 100 Kilometern keiner mehr. Selbst im Charterflieger sitzt du bequemer. Also renne ich mit schmerzenden Hintern im Zug auf und ab, suche einen Menschen mit einem orangen Plasteeimer und kaufe Cola oder Bier, je nachdem, was kälter ist.

Weil Familien in Thailand nicht immer einen dieser praktischen Familienvans besitzen, fahren sie eben Bahn. Somit ist die Dritte auch ein Kinderspielplatz. Über die Kinder, die jedes Mal über mich hinwegkrabbeln, wenn ich gerade eingenickt bin, komme ich mit einigen Thaifamilien in Kontakt. Die schenken mir lächelnd scharf gewürzten Reis in Packpapier und Mangostückchen. Ich verteile eine Rolle Pringels. Die leere Rolle dient später als Fußball und trifft mich mehrfach am Schienbein. Aber erst, als ich wieder eingenickt bin. Als ich nach einem Treffer verstört durch den Zug blinzele, strahlt mich die Mutter der Mittelstürmer charmant an und der Vater hält mir einen trockenen Hühnerflügel entgegen.

Die Wagen der Holzklasse sind mitunter noch mit Holz, meist aber mit hauchdünnem Karrosserieblech beplankt, während die klimatisierten Wagen der Ersten und Zweiten aus blankem Edelstahl aufgebaut sind. – Ähnlich den berühmten frühen Französischen Hochgeschwindigkeitszügen. Aber Hochgeschwindigkeit ist kein Merkmal Thailändischer Bahnen. Mit maximal 80 Km/h rattern sie ihrem Ziel entgegen. Meist fährt sie aber nicht derart rasant. Immerhin muss sie mindestens 10 Stunden für 600 km unterwegs sein, damit der Fahrplan passt. Aber sie ist meist generös: Zwar fahren die Züge überwiegend pünktlich in Bangkok los. Ihren Zielort erreichen sie aber oft verspätet.

Die geringe Geschwindigkeit ist eigentlich ein heimlicher Vorteil der Bahn. Denn so dauert die Fahrt in den Süden oder Norden des Landes lang genug, um in den Schlafwagen der Ersten und Zweiten zu schlummern. Tatsächlich können die meisten Passagiere in den Kojen erstaunlich gut schlafen, was die Bahnfahrt um Längen bequemer macht die zermürbende Gurkerei im Bus.

In der Ersten teilen sich 2 Reisende ein kleines Zimmerchen mit Betten übereinander, die auch 1,90-Meter-Menschen lang und breit Platz bieten. Zudem mit regelbarer Klimaanlage und einem niedlichen, kleinen Waschbecken. Die Erste ist sehr komfortabel und halb so teuer wie ein Inlandsflug. Sparprofis freuen sich zudem, dass der Nachtzug eine Nacht im Hotel oder Guesthouse erspart.

In der Zweiten Klasse reist du im Schlaf- oder im Sitzwagen. Die Schlafwagen sind noch mal in solche mit und ohne Klimaanlage unterteilt. Entsprechend variieren auch die Preise.

Die Schlafwagen der Zweiten sind weniger komfortabel als die Erste; man/frau liegt rechts und links des Ganges in Kojen, die an ein U-Boot erinnern. Die Betten reichen haarscharf aus, um 1,90 m Körperlänge irgendwie unterzubringen. Ich empfehle langen Menschen das obere Bett, das sogar ein paar Baht billiger ist. Anders als bei der vollverschalten unteren Liege kann man dort die Füße seitlich herausstrecken, was etwas großen Menschen ein Quentchen mehr Komfort bringt. Den Wagen ohne Klimaanlage empfehle ich nur Reisenden, die gerne eine Nacht lang den Geruch von Füssen in seiner stickigsten Form genießen möchten. Alle anderen fühlen sich im klimatisierten Wagen deutlich wohler.

Die Bahn ist eher ein Stiefkind Thailändischer Verkehrspolitik, die eine flächendeckende Automobilmachung anstrebt.

Die Städte, die sie durchquert, lassen der Bahn gerade genau das bisschen Platz, das sie minimal braucht. Die Stadt drängt sich bis auf wenige Zentimeter an die Trasse heran. Mit ausgestrecktem Arm könnte ich durch die Fenster des Zuges an die Wände von Häusern und an Blechplanken auf Slumhütten fassen. In Bangkok rollt der Zug kurz hinter dem Hauptbahnhof Hua Lampong durch wirre Slums, deren Blechfassaden die Waggons fast berühren. Mir bleibt das Herz stehen, wenn ich nackte Kinder sehe, die in dem engen Spalt zwischen Slum und Bahn spielen, während sich der Zug in Schrittgeschwindigkeit aus der erdrückenden Stadt quält.

Man gönnt der Bahn in Thailand kaum Platz, dabei ist sie äußerst bescheiden und genügsam. Schmalspurig im Wortsinn. Ihre Schienen stehen etwa 40 Zentimeter näher beieinander als die der großen Europäischen Bahnen. Dabei gilt die Regel: Je schmaler, desto unkomfortabler und desto langsamer. Also kein Vergleich mit Europa: Thailands Bahn ist schmalspurig, nicht elektrifiziert und hat vor allem ein eher dünnes Streckennetz.

Sternförmig führen von Bangkok aus Linien in alle Ecken des Landes. Allerdings führt auch wirklich nur eine einzige Linie in jede Ecke. Daher liegen viele bei Farangs beliebte Orte weit von der Bahn entfernt. Phuket, Kao Lak, Krabi und die Inseln in der Andamansee wie Phi Phi oder Lanta sind rund 150 bis 200 Kilometer oder mehrere Stunden im Bus von der nächsten Bahnstation bei Surrathani entfernt. Hier schließen Jointtickets, also Kombitickets für Bahn und Bus die Lücke. Am Bahnhof in Surrathani warten morgens die Busse zu den Stränden.

Insgesamt ist die Fahrt in der Bahn eine der angenehmsten Arten, weite Strecken im Land zurück zu legen. Jedenfalls im Schlafwagen der klimatisierten Ersten oder Zweiten Klasse.

Wem die Erste Klasse im herkömmlichen Zug nicht ganz genügt, kann immer noch den Eastern & Oriental Express ab Bangkok buchen. Gegen einen geringen Aufpreis natürlich. Dafür müssen Reisende in Kauf nehmen, dass Vollweib Christine Neubauer, Barabara Wussow oder Hansi Hinterseere zwecks Filmaufnahmen für das ZDF – Sonntagsprogramm mit an Bord sind. In der Dritten Klasse bleibt dir eine Begegnung mit diesen Zeitgenossen jedenfalls erspart.

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