Reisen um jeden Preis – über Geld

mehr Geld

Rucksacktouristen sind allesamt Verrückte, die auch auf einem Kahn von Vasco Da Gama angeheuert hätten, um die Welt zu sehen. Sie übernachten am liebsten mit 12 fremden Leuten in stickigen Schlafsälen, die nach Füssen riechen, durchkreuzen das Land in engen öffentlichen Bussen und speisen ausschließlich an Garküchen und in Wellblechrestaurants. Kurzum: Rucksackreisen sind spottbillig und erlebnisreich. Das weiß jeder, – jedenfalls jeder, der noch nie in Thailand unterwegs war.

Im dritten Jahrtausend verpulvert der durchschnittliche Rucksacktourist 1.880 Dollar für die vierwöchige Thailandreise (inkl. Flug). Pauschaltouristen sind deutlich geiziger. Kein Naturgesetz zwingt Rucksackreisen, billig zu sein.

Erlebnisreich ist eine Rucksackreise auch nicht per se. An jeder Ecke umgarnen Englisch sprechende Schlepper und Marketinghelfer Touristen, die sich nicht mit kruden Straßenkarten, wirren Adresslisten und überforderten Schaffnern an abgelegenen Busterminals plagen mögen. Bäckpäcker können sich in Thailand mindestens so komfortabel reisen lassen wie die Kunden von Tui oder Neckermann, gegen Bezahlung natürlich.

Echte Erlebnisse wollen teuer erkauft sein. Ich meine nicht Retortenerlebnisse wie Scuba-Diving, Jetskifahren oder Paragliding am Patong Beach auf Phuket, sondern das, was unser Herz bewegt, unseren Horizont erweitert und uns verändert. Echte Erlebnisse erkauft man in Thailand nicht mit Geld, sondern mit Komfortverzicht.

Reisen wir also radikal erlebnisreich und billig. – Nur als Gedankenexperiment. Denn tatsächlich mag sich heute niemand mehr die Strapazen unbequemen Basic-Bäckpäckings antun.

Wer, warum auch immer, nicht als Leichtmatrose auf einem Frachter anheuert, der Deutsche Autos nach Bangkok verschifft, wird wohl fliegen müssen, um seinen Rucksack im Land der Freien auspacken zu können.

Vor Jahren brachte die Gesellschaft „Thai-Jet“ die Billigfliegeridee in die Langstrecke: Tickets für einen Spottpreis und Null Komfort. Die an sich gescheite Idee ist gescheitert. Nicht die Komfortlosigkeit, das können Charterflieger heute immer noch. Aber billig sind die deshalb nicht. Daher beginnt die Sparerei am Flughafen in Bangkok.

Nimm dir am Infoschalter des Airport einen Gratisstadtplan der Thailändischen Hauptstadt mit. Du wirst ihn brauchen. Dann ab jetzt bist du im Thailändischen ÖPNV unterwegs. das heißt, du bist dein eigenes Navigationssystem.

Wenn es eine Klasseneinteilung gibt, dann wähle die Dritte. Wenn es keine Klasseneinteilung gibt, kauerst du automatisch in der Dritten.

Reisen in der Dritten Klasse ist nicht nur erschütternd billig (600 Km Bahnfahren für 3 Euro), es schult auch die Leidensfähigkeit (SM-Fetischisten fühlen sich auf Anhieb wohl) und verschafft Sympathie bei den mitreisenden Thais. Mir schenken in der Holzklasse (die tatsächlich papierdünn gepolstert ist) ständig Thais etwas zu Essen. Und zwar Dinge, die in keiner Touristenkneipe auf der Karte stehen. Ich vermute, das tun die Thais aus purer Barmherzigkeit. Ein Farang, der in der Dritten reist, kann schließlich nur ein ganz armer Hund sein. Normale Farangs verstopfen in der Bahn die schicke Erste oder die Liegeabteile der klimatisierten Zweiten. Oder sie verstopfen erst gar kein Bahnabteil, sondern buchen einen Inlandsflug. Normale Farang-Touristen sind in den Augen zahlreicher Thais übrigens „kee nok“. Das heißt ungefähr Hühnerscheiße. Viele Thais sind durchaus Rassisten, aber das sind etliche Touristen auch. Immerhin haben schon Thai-Rassisten ihren Reis mit mir geteilt. Aber nur in der dritten Klasse.

Buche eine Nachtfahrt in der Dritten von Bangkok bis nach Surrathani in Südthailand, von wo aus du mit Linienbussen und fragwürdigen Booten zu den legendären Stränden gelangst. Du wirst etwa 5 Euro zahlen und du wirst mich für diesen törichten Tipp zwischendurch verfluchen. Aber in 30 Jahren wirst du den Enkeln noch davon erzählen wollen.

Ebenso billige wie erlebnisreiche Inlandsreisen sind in Thailand noch möglich. Thais müssen auch durchs Land kommen. Der durchschnittliche Tagesverdienst beträgt etwa 5 Euro. Also gibt es billigste Transportangebote. Da aber keine Thais in Touristenunterkünften absteigen, sind die auch nicht mehr wirklich günstig.

Finstere kleine Zimmerchen, mit Matratze auf dem blanken Boden und mit Stehklo auf dem Hof, werden rar. Jedes Mal in Thailand sehe ich weniger davon. Wo ich früher einmal für 120 Baht genächtigt habe, steht nun ein gestylter Neubau im Retro-Siam-Kitsch-Design. Pool im Innenhof, Klimaanlage und hübsches eigenes Bad am luftigen Zimmer. Die Übernachtung in der gepflegten Travellerabsteige kostet nun 650 Bath, aufwärts. Alles wird angenehmer und teurer.

Ungeziefer kriecht durch Herbergen aller Preisstufen. Gestaffelt ist allenfalls der Bohei darum. Sollte es in besseren Unterkünften keine Insekten geben, so liegt dies am massiven Gifteinsatz. Sehr gut: Gift ist unsichtbar und somit bei weitem nicht so ekelig anzusehen wie Schaben, Silberfischchen oder Kakerlaken. Dafür ist es eben giftiger.

Im letzten Jahrhundert nächtigten Bäckpäcker gern in Schlafsälen, so genannten „Dorms“, in denen immer toll was los war. Bis morgens um 2 trudelten betrunkene Mitbewohner ein. Bis gegen 3 trieb es ein Schwedisches Paar betont unauffällig miteinander, um 5 standen die ersten auf, um den Sonnenaufgang in einem Tempel zu begutachten. Dazwischen konntest du schlafen. Was wiederum dein Neuseeländischer Bettnachbar nutze, um deine Fotoausrüstung zu klauen.

Bei allen denkbaren Nachteilen (habe ich schon von diesem Schotten mit der gestörten Verdauung berichtet?): Wer in einem Dorm übernachtet, ist nie einsam und lernt immer jemanden kennen. Unzählige Freundschaften auf Zeit wurden in Bangkoker Schlafsälen geschlossen. Im schicken, modernen Einzelzimmer hingegen bist du allein. Dass die Dorm-Übernachtung mit maximal 2 Euro extrem billig ist, nehmen die kontaktfreudigen Gäste billigend in Kauf. Noch gibt es solche Schlafsäle, aber wie alle schlichten und billigen Tourismusangebote sterben sie aus. Wenn du so was magst, sollstet du dich beeilen, nach Thailand zu kommen. Oder du nutzt andere Möglichkeiten, Zimmer und Hütten über zu belegen:

Zu viert bewohnten beispielsweise Nachbarn am Strand von Ko Chang eine schmale Hütte unter Palmen, in die ich mich höchstens mit einer weiteren Person – und die müsste ich schon sehr mögen – quetschen würde. Entsprechend wackeln nebenan ständig die Wände. Zudem höre ich gequältes Gestöhne – kein Wunder bei der Enge. Aber sie müssen wohl sparen. Das heißt, der Farang, der die Miete zahlt, muss wohl sparen. Seine Mitbewohnerinnen, drei Thaigirls; dürften seine Reisekasse arg strapazieren. Da darf die Übernachtung pro Person eben nicht mehr als 80 Baht kosten. – Nur so bleibt genug übrig für die tägliche Großpackung Potenzpillen.

„Im Urlaub sollte man es ruhig mal krachen lassen“, meinten zwei Amis, die den Süden Thailands bereisten. Und das bedeutet: feinstes Zimmer, erlesene Speisen sowie allerlei kostspieliger Zeitvertreib. Als ich sie auf Ko Lanta traf, ließen sie es jedoch nur noch sehr, sehr verhalten krachen und hatten sich bei gnädigen Landsleuten in deren Strandhütte einquartiert. „They have all gone, noone knows where…“, erzählte mir einer der beiden mit erstaunter Unschuldsmiene, meinte dabei seine Travellerschecks und spekulierte darauf, dass ich ihm ein Bier bezahle. Ansonsten lebten die abgebrannten Amis zur „Untermiete“ und sonst von Reisesuppe zu 20 Baht die Portion. Ihre Zeit vertriebnen sie nun damit, die definitiv billigste Passage nach Bangkok zu planen.

Die Übernachtung für maximal 4 Euro findest du noch, Essen und Trinken kannst du an Garküchen für ebenfalls 4 Euro pro Tag. Somit kostet der luxusbefreite, erlebnisreiche Billigsturlaub 8 Euro pro Tag; 240 Euro pro Monat. Stecke dazu noch 30 Euro für ein paar Inlandsreisen in der Dritten Klasse ein.

Übrigens habe ich persönlich im Schnitt 25 Euro pro Tag auf meiner letzten Thailandreise verbraten; doppelt so viel wie auf meiner ersten Reise vor über 10 Jahren.

Den billigen alten Zeiten trauere ich gar nicht nach. Die Strapazen der frühen Reisen habe ich nur notgedrungen erduldet. Und weil es sich leichter lebt, wenn verklärt wird, was man eh nicht ändern kann, werden stickige kleine Zimmerchen und Gemeinschaftsklo eben zum Kult stilisiert. In Wirklichkeit aber liebe ich Klimaanlagen in Thailand.

Ich bin heute älter, fauler, bequemer und – reicher auch als auf meiner ersten Thailandreise. Und ich bin repräsentativ: Die gesamte Bäckpäckerschaft ist im Schnitt fauler, bequemer, reicher und sogar auch älter als im letzten Jahrhundert. Und ideologiefreier ebenfalls. Also wird das Geld nicht nur sanft-touristisch bei lokalen Anbietern verprasst sondern auch ohne jede Hemmung bei Starbucks und Burger King, deren Filialen in (Rucksack-) Touristenvierteln Garküchen und Wellblechrestaurants verdrängen.

Doch wem der individualtouristische Konsumterror zu viel wird, der kann die finanziellen Grenzen nach unten ausloten und Askese zum Erlebnis stilisieren. Vom gesparten Geld könnte man dann daheim mal richtig gut Thailändisch essen gehen.

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