Pauschal- vs. Individualreisen in Thailand.

Am Frühstückstisch tröpfelt der Hotelboy Karin und Josef eine halbe Handvoll Wasser auf den Kopf. Dann entschuldigt er sich breit grinsend mit dem Hinweis, das sei heute, an Songkran, dem Thailändischen Neujahrsfest, ein alter Brauch. „Wie bei einer Taufe“, meint Josef später. Ansonsten bekommen die beiden in ihrem Hotel vom Songkranfest weiter nichts mit.

Der Mitarbeiter des Hotels hat dreist gelogen: Es ist keineswegs Thailändischer Brauch, zu Songkran anderen Wasser auf das Haupt zu tröpfeln. Vielmehr ist es Brauch, anderen Wasser eimerweise über den gesamten Körper zu schütten. – Dass ein paar Kilometer weiter ein Klavier explodiert, die 6. Jahreszeit tobt und unzählige durchnässte Menschen eine wüste Straßenparty feiern, ahnt im abgeschiedenen Resort an der Andamansee niemand. Der Wahn macht einen  großen Bogen um die Anlage und verausgabt sich anderswo.

Zugespitzt: Thailand macht einen großen Bogen um die Anlage und findet andernorts statt. Das Resort befindet sich abgeschieden an einem idyllischen kleinen Palmenstrand, etwa 15 Kilometer nördlich von Khao Lak Town. Wer dorthin will, kann durch die Tropenhitze latschen oder im Taxi für 300 Baht pro Weg fahren. Hatte ich schon erwähnt, dass die Anlage abseits aller Bus- und Songtaulinien liegt?

Auf den ersten Blick wirkt die Anlage ebenso einladend wie im Reiseprospekt: Strand, Palmen, ein blauer Pool, gelungene Architektur. Reisende finden Ähnliches in Kenia, der DomRep oder auf Bali. Doch was macht den Laden Thailändisch? Die als Folkorethais herausgeputzten Mitarbeiter überzeugen nicht wirklich. Ich erlaube mir zu spotten: Thailändisch ist die Währung, in der gezahlt wird!

Ökonomisch floppt der vermeintlich günstige Pauschalurlaub: Karin und Josef haben Frühstück inklusive und müssen alle weiteren Mahlzeiten bezahlen. Die kosten im Hotelrestaurant 800 bis 1.200 Baht inkl. Getränke, also locker mal 20 Euro.

Preispolitik jenseits aller Thailändischer Normalität: Überall in Thailand zaubern Garküchen um die Ecke ein Menü für günstige 50 Baht auf den Plasteteller. Aber hier ist nicht wirklich Thailand und um die Ecke stehen nur Palmen. Fahren Gäste zum Speisen in den Ort, so zahlen sie pro Person 300 Baht fürs Taxi und 120 Baht für das Essen in der Touristenkneipe. Doch nicht nur das Verpflegungsbudget wird strapaziert: Die Wäscherei im Hotel berechnet 200 Baht pro Kilo Wäsche, statt der 40 Baht im Ort. Eine Zusatzdecke stellt das Hotel für 200 Baht pro Nacht zur Verfügung. – Dafür übernachten Backpäcker in einem sehr schlichten Guesthouse. Ein Doppelzimmer im erwähnten Hotel erklickt man im Internet ab 50,- Euro/Nacht (2.500 Baht), für die es die Aktienmehrheit an den meisten Guesthouses gibt.

Gegen die Langeweile bietet das Hotel Tagestouren zu den Sea Gypsys, nach James Bond Island oder nach Ko Phi Phi für 3.500 Baht. Reisebüros im Ort kutschieren einen für 1.600 Baht dorthin. Wer sich den Linienbus zutraut, gibt nicht einmal die Hälfte davon aus.

Pauschalreisen sind nicht per se abgeschirmt und teuer. – Aber oft sind sie es. Der Haken der beschriebenen Anlage ist nicht die Abgeschiedenheit an sich. Der Haken ist wie bei allen Pauschalangeboten, dass du im gebuchten Hotel festgenagelt bist. Und zahlreiche Läden halten das umgebende Land auf Distanz.

Soweit die These zum Pauschalisieren. Die Antithese drängt sich auf:  Rucksacktouris tauchen voll in das Gastland ein und setzen sich intensiv mit Land und Leuten auseinander.

Nein, halt, das ist Quatsch. Wenn das so wäre, gäbe es längst nicht so viele Backpacker. Viele wollen sich gar nicht groß mit dem Gastland befassen und ziehen sich in ihre eigenen Ghettos zurück. Die sind oft räumlich nicht so klar abgegrenzt und wirken vielleicht etwas authentischer. Weiterhin verkleidet sich das Personal nicht wie Klischeethais. Aber die Khao San Road und diese scheinbaren Hippiestrandbuden im Lande repräsentieren das Land etwa so wie die unvermeidliche Filiale vom Mc oder von Starbucks. Backpacking ist eher eine globale Kultur, die sich mit Versatzstücken des Gastlandes schmückt. Ein Thailändisches Guesthouse ähnelt eher einem Australischen Hostel als dem Heim einer Thaifamilie.

Nachdem wir das erste Vorurteil über das Rucksackreisen im Golf von Siam versenkt haben, folgt das zweite: Rucksackreisen sind nicht per se billig. An anderer Stelle habe ich schon auf die Studie hingewiesen, wonach Backpacker im Schnitt mehr Geld auf der Reise ausgeben als Pauschalis.

Dafür bekommen Individualtouristen in Thailand komfortable, klimatisierte Zimmer im Guesthouse mit Pool. Sie reisen in der Bahn Erster Klasse oder nehmen einen Inlandsflug. – Und denk nur nicht, Tauchkurse seien billig. Umkomfortable sind Rucksackreisen längst nicht mehr. Selbst deinen Rucksack schultert irgendwer für ein paar Baht. Alles andere übernehmen kompetente Reisebüros vor Ort.

Was also unterscheidet Pauschal- und Individualreisen? Nach wie vor kannst du dich wie ein echter Abenteurer fühlen, wenn du auf eigene Faust durch das Land ziehst. – Auch wenn die Fahrt diskret von Thailändischen Logistikern wie Songserm oder Phornthip organisiert wurde. Die gefühlte Freiheit ist dabei ganz real. Denn du kannst dir eine Unterkunft dort suchen, wo es dir passt. Und wenn es dir nicht passt, dann ziehst du eben weiter. Ein Haus weiter, einen Ort weiter, ein Landesteil weiter oder gleich in ein anderes Land. Die Freiheit begrenzt allein dein Rückflug. Bis dahin bist du frei und darfst dich auch so fühlen.

Und trotz Ghettoisierung: Sofern du nicht bewusst abseits urlauben willst, bist du meist mittendrin. In Khao Lak Town toben alle Backpacker zu Songkran in der Wasserschlacht und alle kriegen es mit. Und jeder weiß zumindest über diesen alten Thailändischen Brauch bescheid und lässt sich nicht von einem jungen Thai in Folkloreuniform mit Brauchtum-light abspeisen.

Sofern man will.

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