Reisebericht: Verkehrskollaps & -beruhigung in Bangkok

Bus in Bangkok

Das größte Abenteuer während einer Thailandreise ist Vielen die Überquerung der Kreuzung, die durchtriebene Feinde des Tourismus genau zwischen Khao San Road und Königspalast platziert haben. Stets kauern auf beiden Seiten hilflose Farangs, tänzeln ein, zwei Schritte auf die Straße und springen wieder zurück auf den Grünstreifen. – Nur weil ein Lastwagen oder Tuk-Tuk direkt auf sie zuhält und beschleunigt, statt zu bremsen. Manche sprinten über die Kreuzung. 100 Meter deutlich unter 9 Sekunden. Mehrmals täglich werden hier neue Weltrekorde aufgestellt.

Aufschneider erzählen daheim gerne blumig von einem 20-spurigen Monster, das Touristen frisst. Das ist übertrieben. Nur acht Spuren sind wirklich lebensgefährlich. Die anderen zehn oder zwölf lassen sich – etwas Geduld vorausgesetzt – einigermaßen sicher überqueren.

Außerdem gibt es den Stau. Gäbe es diese segensreiche Erfindung nicht längst in Bangkok, müsste sie umgehend eingeführt werden. Viele Touristen fluchen über den Verkehrskollaps und jeder Reiseführer zeichnet ein Endzeitbild in rußschwarz, rostrot und schwefelgelb von einer stinkenden Masse trägen Altmetalls, die sich durch Bangkoks Straßen quält.
„Verkehrskollaps“ ist ideologischer Neusprech der Autolobbyisten. Der Stau beschleunigt nämlich den Verkehr; mitunter ermöglicht er ihn überhaupt erst. Zumindest, wenn die Verkehrsteilnehmer Fußgänger sind. Somit schafft der Verkehrskollaps in Bangkok Bewegung. – Es nur eine Frage des Standpunktes. Und genau den kann der herumstreifende Tourist im Stau verlagern wie er will, wenn er nicht fürchten muss, von einem unvermittelt heranschießenden Taxi umgebracht zu werden.

Auch Thailändischen Transportarbeitern ist der Stau ein wahrer Segen. Szenenwechsel: In einem Linienbus, einige Kilometer südlich, Downtown Bangkok:

Die Schaffnerin trottet gemächlich wieder in den Bus, in der rechten Hand zwei Flaschen Pepsi, links balanciert sie zwei Portionen Reis in Packpapier. Aus der verbeulten Werkzeugkiste neben seinem Sitz fingert der Fahrer zwei Löffel hervor.

Schweigend verspeist die Besatzung der Linie Eins ihr verfrühtes Abendessen.

Langsam fließt die Zeit und ich registriere nicht allzu viel. Träge in den Sitz gefletscht, die Knie baumeln auf einer Haltestange, die selbst für Asiaten zu niedrig geraten ist.

Friedlich essende Menschen, und ich finde Muße zum Schreiben. Ein unerwartetes, beschauliches Idyll. Ein Wunder. Es ist Rushhour in Bangkok.

Verkehr ist Nicht-Verkehr. Auf den Hauptstraßen parken Millionen Lastwagen, Busse, Tuk-Tuks, Autos, Mopeds mit laufenden Motoren. Hin und wieder geht ein Ruck durch die träge Masse Metallschrotts. Alles ruckelt stöhnend einen halben Meter weiter und stößt vor Freude über das bisschen Bewegung eine zusätzliche Wolke schwarz-gelben Giftes aus.

Endzeitalptraum Bangkok: „Asiens schlimmste Verkehrshölle“, schreibt GEO. Das süddeutsche Pärchen, das ich in Indonesien traf, hatte alle Erinnerungen – wie zuweilen nach schweren traumatischen Erlebnissen – vergessen, verdrängt, gelöscht. Nur noch ein paar vage Adjektive, die tiefste Abscheu signalisierten (dreckig, stinkig, verstopft usw.). Zweimal waren sie hier, eher zufällig, auf der Durchreise und garantiert – darauf könne ich Gift nehmen (in Bangkok reichlich vorhanden) – nie mehr im Leben.

Auch dies eine Frage des Standpunktes: Wo keine Gewerkschaft humane Arbeits- und Pausenzeiten erstreitet, diktiert der Stau einen menschlichen Arbeitsrhythmus.

Die Kunst liegt in der Interpretation des Wartens.

Wieder reagiere ich untypisch auf diese Stadt. Mitten im schlimmsten Verkehrskollaps dieses Planeten entspanne ich fast wie bei einer Thai-Massage und schreibe mehrere Seiten.

Zurück zum Ratchadamnoen Klang: Eine Schwedin hatte mir erzählt, sie habe an der Kreuzung einmal eine halbe Stunde gewartet. Sie hat es viermal gesagt, weil sie es selbst so unglaublich fand: „half an hour, waiting at a crossroad!“ (bitte viermal wiederholen) Dann hatte sie der Stau erlöst und sie konnte zwischen stehenden Autos zum Königspalast und zum Wat Po schlendern.

Mir gelingt die Überquerung der Kreuzung diesmal in wenigen Minuten. Ziemlich zäher Verkehr heute.

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