Reisebericht: Tempelbesuch in Bangkok

Tempel

Mal was ganz Anderes probieren? Dann fahr nach Thailand und besuch’ dort keinen Tempel! Egal ob Pauschal-, Club- oder Individualreise: die Tempeltour ist fester Bestandteil des Programms. Mindestens einen Tempel sieht sich praktisch jeder Tourist an.

Somit reiht sich fast jeder irgendwann in die Warteschlange vor den Toren eines der großen Tempel. Wer clever ist, geht früh morgens, vor dem großen Ansturm der Touristenmasse zum Wat. Mitunter ist das genial: Einige Mönchen und gläubige Thais, aber noch kein Tourist dort. Mitunter aber auch frustrierend: zu dieser Zeit dürfen auch wirklich nur Mönche und gläubige Thais zwecks Ausübung ihrer Religion in viele Tempelbezirke. – Das stört natürlich niemanden, der clever ist. Also wird der ganze Sermon heruntergeleiert: Man sei schließlich selbst Buddhist, glaube an die vier edlen Weisheiten, verehre Siddharta Gautama, Swami Babakhami usw. Leider lächelt der Türsteher nur milde, verweigert den Eintritt, lässt schnell noch eine Thaifamilie durch und verweist auf die Öffnungszeiten.

Somit reiht man sich Stunden später in die Warteschlange vor den Toren eines der großen Tempel, beneidet eine Koreanische Reisegruppe, die von ihrem Reiseleiter an der Warteschlange vorbei geschleust wird, zweifelt an der Gerechtigkeit fernöstlicher Religion, aber keinesfalls an der eigenen Selbstgerechtigkeit und kauft für 20 Baht ein Ticket.

Wer der Hitze angemessen, mit Schlabbertop und kurzem Höschen angetan ist, gerät in Bekleidungsnotstand. Piktogramme und mehrsprachige Schilder sind eindeutig und Türsteher auch hier unerbittlich: Nur langbehost, -berockt und -beärmelt darf der Tempelbezirk betreten werden. Schnell wird der Rucksack nach Sarongs oder Ähnlichem durchwühlt oder ein solches Stück Stoff bei einem der rein zufällig anwesenden Saronghändler erworben. Die so entstandenen modischen Verirrungen werden natürlich sofort fotografiert, da sie später, beim heimischen Diaabend, garantiert humoristische Akzente setzen.

Zum Glück trage ich in Bangkok ohnehin stets lange Hosen, weshalb ich problemlos in den Wat Po gelange. Zum Ausgleich ist mir heiß. Schon kurz hinter dem Eingang verkauft ein klimatisierter Laden Kaltgetränke. Ich hoffe, in Ruhe eine Cola schlürfen zu können, rechne allerdings nicht mit dem weltoffenen Thailändischen Schulsystem. Zwei ebenso süße wie schüchterne Girlies in Schuluniform fragen verschämt in halsbrecherischem Englisch, ob sie wohl für ein Schulprojekt ein paar Fragen stellen dürften. Aber na klar. Die Mädchen kramen mehrere schlecht kopierte Blätter aus ihren Taschen und überreichen sie mir zusammen mit einem Kugelschreiber, der oben abgekaut ist. Aus welchem Land man sei, soll auf den Blättern eingetragen werden; welcher Tag der Nationalfeiertag des Heimatlandes sei; wie der König des Heimatlandes heißt und wie alt der Monarch ist; wie viel Prozent des Bruttoinlandsproduktes die Landwirtschaft erwirtschaftet. Ich bin erstaunt, wofür sich die Thailändischen Schülerinnen interessieren. Die beschäftigen sich inzwischen mit einem Gameboy („ohhh haiscooohhh“) und quittieren jede Nachfrage mit einem Achselzucken und einem Lächeln. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe („how many cities with more than 100.000 citizens are in your country?“ – zählt Pforzheim?), fülle die Zettel aus und reiche sie den Girlies zurück. Die bedanken sich artig und spähen nach weiteren Forschungssubjekten.

Die Fragen kommen mir bekannt vor. Vor Jahren habe ich sie schon einmal für Indonesische Schüler auf Java am Borobudur beantwortet. Im Laufe meiner Reisen in Thailand werde ich noch öfter in derartige Befragungen für ein obskures Schulprojekt verwickelt. Es wird wohl eine Panasiatische Schulprojektmafia geben, die ihre Fragebögen im Netz verbreitet. Vermutlich sehe ich zu höflich aus in meinen langen Hosen.

Ich bummle an Chedis, turmhohen Pagoden, vorbei zum Viharn, dem Gebäude mit dem liegenden Buddha und freue mich, dass in diesem Tempelbezirk auch die aller abgegriffensten Klischees bedient werden. Breitbeinige Cowboys aus Wisconsin stampfen vorüber. Eine Familie lamentiert lauthals in reinstem Kölsch über Dieter Bohlens neuste Affäre; Vati trägt tatsächlich auch noch weiße Socken in den Sandalen. Ich danke den Göttern dafür, dass es auch in Bangkok die Bildzeitung gibt. Worüber, wenn nicht über Dieter Bohlen, sollte man sich auch sonst unterhalten? Ist ja nur einer der atemberaubensten Sakralbauten der Welt hier. Immerhin scheinen die unzähligen Japaner das zu würdigen und knipsen mehrfach jedes einzelne Mosaiksteinchen. Die Invasionstruppen Nippons haben den Wat Po längst annektiert.

Wichtig beim Tempelbesuch sind selbstredend die Fotos. Die müssen einfach gemacht werden. OK, jedes Mosaiksteichchen ist bereits mindestens drei oder vier Milliarden mal geknipst worden. OK, Topaufnahmen von Topfotografen hängen überall in Thailand und schmücken jede Publikation über Thailand, was bedeutet, dass sie jeder Hobbyfotograf bereits mehrfach gedruckt in Reiseführern und -katalogen besitzt. Aber der Drang, an sich längst abgegähnte Motive noch mal genau so aufzunehmen (etwas überbelichteter vielleicht) ist regelrecht metaphysisch. Es kann nur eine übernatürliche Erklärung für dieses Phänomen geben; eine rationale gibt es nicht. Aber hier ist schließlich ein Tempel und das ist bei genauem Hinsehen ein heiliger Ort, immer gut für eine übersinnliche Erklärung. Daher werden Kilometer von Chemiefilmen und Gigabytes von Digitalspeicherkarten täglich aufs Neue mit immer dem Selben belichtet. Originelle Motive finden selbst ambitionierte Fotografen kaum noch. Und wenn, dann können sie’s kaum knipsen. Denn genau davor steht garantiert ein anderer Tourist mit einer Kamera.

Erstaunlich übrigens, wie hingebungsvoll einige Gläubige an den Heiligtümern beten, trotz der zahlreichen Touristen, die um sie herum trotten. Ich denke, das ist ein Foto wert…

Ich erfreue mich an einer Ansammlung besensteifer, töricht winkender und grinsender Japaner und versuche mich auf ihr Gruppenfoto zu schleichen. Zuerst sind sie irritiert, dann bin ich es. Statt mich zu verjagen, zeigen sie lachend auf mich und schieben mich in ihre Mitte. Sie haben in mir wohl den Bruder im Geiste erkannt. In einer Hand halte ich meine geliebte Canon.

Ich gehe weiter und die Camera-Warrior aus dem Land der aufgehenden Sonne sind unvermittelt verschwunden. Das Gequake des Reiseleiters mit Nissan-Mütze verstummt. Heiliger Ort. In Gold und buntem Stein erstarrte Ergebenheit gegenüber den Göttern. Ehrfurcht vor Dingen, die ich nicht verstehe, die es aber dennoch unzweifelhaft gibt, – so sicher, wie es Scheiße in den Klongs stets an die Oberfläche spült. Ein Asiat im Gebet vertieft. Irgendwo zwischen Bangkok und Nirwana. Die Minolta Digital baumelt ihm am Hals. Ein Anker im Diesseits. Die metaphysische Energie dieses Ortes lässt für einen Moment vergessen, wo ich bin. Die Haut meiner Arme zieht sich zusammen. Erinnert an die gekochten Enten in den Garküchen zwei Straßen weiter. Religiöse Ergriffenheit.

Entsetzt wird mir bewusst, dass mich einen Augenblick lang das Mysterium eines Glaubens, von dem ich nichts weiß überwältigt hat. – Eine unheimliche Erfahrung für einen abendländischen Zyniker.

Ich werde jetzt besser gehen.

Ein Gedanke über “Reisebericht 5 – Tempelbesuch

  • 27. Dezember 2015 bei 4:15
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    Großartige Lektüre, ganz nach meinem Geschmack. In Kürze werde ich nach langer Zeit auch mal wieder nach Thailand aufbrechen und die Einstimmung hier war ausgesprochen nett 🙂
    Take Care
    Peter

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