Essen

Manche Tage in Bangkok verrinnen wie Sand zwischen den Fingern. „Was hast Du heute gemacht?“ Reaktion: ein ratloser Blick. Eigentlich nichts. Zweimal die Khao San rauf und runter. Drei oder vier Fotos geknipst. Hinter fünf oder sechs Ecken geschaut. Eigentlich nichts. Außer vielleicht… Ach ja: Speisen! Und das ist, bei genauer Betrachtung, in Thailand fast immer deutlich mehr als „eigentlich nichts“.

Essen, die Erste: Wellblechrestaurant

Wieso es zu jedem Gericht unaufgefordert ein Glas Eiswasser gibt, erklärt sich spätestens nach dem zweiten Löffel (ein unförmiges Ding aus lieblos gepresstem Aluminiumblech übrigens). Danach fließt das Wasser durch die Kehle. Das hilft nicht wirklich, denn die scharfen Substanzen im Essen sind nicht wasserlöslich, aber für einen Placeboeffekt sind kalte Getränke allemal gut.

An Schärfe inzwischen leidlich gewöhnt, nehme ich nach einigen Bissen sogar den Geschmack mancher Bestandteile meines Menüs wahr: Vornehmlich geraspelter Ingwer, der Hühnerfleisch, schwarze Pilze und allerlei subtiles Gemüse geschmacklich in Schach hält. Vom Reis schmecke ich anfangs in Thailand ohnehin kaum etwas. Die feinen geschmacklichen Nuancen erschließen sich mir erst nach einiger Eingewöhnungszeit. Reis hat zunächst den „Nullgeschmack“, ist Sättigungsbeilage im besten Sinne und dient – wenn nötig – zum Verdünnen, um die Schärfe auszubremsen.

Während des Essens an Asiatischen Garküchen (in mehreren Dutzend der Abermillionen allein in Bangkok war ich zufriedener Kunde), fühle ich mich stets als Held des sanften Tourismus (ich sollte nicht so dick auftragen, in erster Linie bin ich wohl Held der Ökonomie; wo sonst gibt es eine gute Mahlzeit für ’nen halben Euro?). Weit und breit kein Europide zu sehen.

Ein paar Straßen weiter werden dem geneigten Westler fade Baguette angeboten, in denen substanzloser Käse, müde Tomaten und traurige Gurken wie in einem Sterbeheim für altersschwache Lebensmittel am Ende ihres irdischen Weges der Umwandlung in menschliche Ausscheidungsprodukte harren.

Hier hingegen toben gerade äußerst lebendige Chilis mit wilder, jugendlicher Energie durch meinen Organismus.

Ein paar grobe Kanthölzer, hier und da ein Bambusstab: Pfeiler und zugleich Wände meines Restaurants. Die Architektur ist verwegen. Nicht zwei Latten ragen im selben Winkel empor. Am Umfallen werden sie durch Betonklötze gehindert, an denen sie ein Thailändischer Baumeister mit Hanfseilen festgebunden hat. Sollte das nicht genügen, stemmen sich am oberen Ende horizontal angenagelte Latten statischen Zweifeln entgegen. So ergibt sich der Dachstuhl.

Selbstverständlich erfreut sich auch die Geometrie des Daches virtuoser Unregelmäßigkeit. Schließlich haben sowohl vertikale als auch horizontale Hölzer nicht nur individuelle Winkel, sondern auch ganz persönliche Längen.

Um das Dach überhaupt zu einem solchen zu machen, ist der Dachstuhl mit Wellblechplatten belegt. Muss ich betonen, dass sich nicht zwei gleich aussehende Blechstücke finden? Fein gewellt liegt neben grob gewellt. Völlig rostig neben leicht angerostet. Jedes Blech hat seine ganz persönliche Geschichte, dokumentiert durch Maße, Löcher, Beulen. Den oberen Abschluss des Gebäudes bildet ein Stilleben aus Kabeln, Steinen, Rohren, Brettern und Plastikmüll. Dinge, die man in Ermangelung geeigneterer Orte eben auf dem Dach lagert. Überdies – das ist recht praktisch – hindert das Gewicht des Plunders die Bleche am Wegfliegen.

Das Mobiliar fügt sich gestalterisch dem Gebäude. Die Tische passen deshalb gut zueinander, weil offenbar jeder Tisch nach der Maßgabe beschafft wurde, sich möglichst stark von bereits vorhandenen Exemplaren zu unterscheiden.

Allerdings sind hier fast alle Hocker gleich. Rote Plastikeinteiler, ähnlich umgekippten Mülleimern mit Löchern. Die Gleichartigkeit ist indessen eine Spezialität dieses Etablissements. Üblicherweise herrscht auch hier Durcheinander.

Da es keine Wände im herkömmlichen Sinne gibt, fehlt auch die Grenze zwischen Küche und Gastraum. Gespült wird, wo die großen Plastikwannen eben hinpassen.

Morgens ist das Wasser in den Wannen noch sauber, ebenso das Geschirr, das fröhlich blinkend aus ihnen kommt. Spätestens gegen Mittag ist die Brühe zumindest in der Vorspülwanne nicht mehr von einem Thai Curry zu unterscheiden. Das Wasser in Haupt- und Nachspülwanne ähnelt zunehmend den schlammigen Fluten des Chao Phraya.

Nach Hygiene zu fragen wäre blasphemisch. Schließlich liegt alles offen vor einem. Finstere Geheimnisse, die es in Deutschen Küchen bisweilen geben soll, kann es hier nicht geben.

Es bietet sich an, den steinalten, verhutzelten Thai zu betrachten, der am Nachbartisch bedächtig und mit größtem Genuss Suppe in den zahnlosen Mund löffelt. Ich schätze, er kommt seit über 250 Jahren täglich hierher zum Speisen, – und hat’s bislang offenbar bestens vertragen.

Nachtisch? Gegenüber brät eine lachende und untypisch dicke Frau Bananen.

Essen, die Zweite: Travellerkneipe und Hundeblick

Er ist wohl keine fünf Jahre alt und übt sein Handwerk absolut professionell aus, – allein das sollte doch eine Anerkennung wert sein, oder?

Mit diesem Gedanken kann ich andere, unbequemere, rationalisieren. So ist es eben nichts weiter als ein fairer Deal: Jemand beweist seine berufliche Professionalität, ich bezahle dafür. Wir sind quitt.

Sein Handwerk ist die Bettelei.

Rappelmager, kaum einen Meter lang; am ausgestreckten Arm könnte ich ihn hochheben. Locker.

Er zieht von Travellerkneipe zu Travellerkneipe, von Tisch zu Tisch, stellt sich neben mich und raubt mir die letzte Ruhe. Seine Technik ist ausgefeilt und höchst ökonomisch: Ein kurzer, trauriger Hundeblick, dann hält eine ausgemergelte Kinderhand einen leeren Pappbecher genau in den Weg, den mein Essbesteck zwecks Nahrungsaufnahme zurücklegt. Inzwischen starrt das Bürschchen wie gebannt auf den Fernseher in der Ecke der Kneipe. Es läuft MTV. Der dreckige Pappbecher bewegt sich kein Millimeterbruchteil. Mein Löffel muss einen Bogen beschreiben, um ihm auszuweichen.

„Was tust Du gegen den Hunger in der Welt?“, fragte vor ein paar Jahren ein Plakat einer deutschen Hilfsorganisation. „Essen natürlich“, mein zynischer Kommentar. Seinerzeit hielt ich das für einen gelungenen Witz. Jetzt vergeht mir der Appetit. Der Hunger dieser Welt hat sich den strategisch günstigsten Ort ausgesucht; sabotiert genau das Essen eines satten Westeuropäers. Es gibt kein Entrinnen. Ich bin ein Gefangener großer Kinderaugen. Materialisierte Adveniat- oder Miseriorplakate stehen leibhaftig vor mir und wollen mit mir ins Geschäft kommen. Mit zwei Baht befreie ich aus meiner angespannten Lage und kann mich wieder meinem 60-Baht-Menue widmen.

Zuvor frage ich ihn wie er heißt und wie alt er ist. Ich denke an die Internetseite. Selbstverständlich muss ich über das Elend schreiben, – bekanntlich ist jeder Bericht über Bangkok ohne einen entsprechenden Hinweis unvollständig; aber das ist ein Gemeinplatz. Durch einen Namen, eine konkrete Zahl würde das Elend personifiziert, authentisch, greifbar. Er sieht mich verstört an. Offenbar versteht er kein Englisch.

Noch während ich rede, beschleicht mich der unangenehme Verdacht, er könnte meine harmlosen Fragen etwa folgendermaßen verstehen: „Na mein süßer Knackarsch, was hältst Du davon, wenn ich Dir meinen Schwanz in deine Körperöffnungen kapriziere?“

Schließlich sitze ich mitten im Weltzentrum der Kinderprostitution. Eine Krankenschwester aus Löhne hatte mir erzählt, jemand habe ihr (ja, einer Frau!) seinen kleinen Bruder mit dem Hinweis angeboten, er könne es schon richtig, wie ein Großer, obwohl er doch sooooo niedlich sei.

Abrupt beende ich die nur scheinbar einseitige Kommunikation. – Weniger weil ich fürchte, der dreckige kleine Kerl könnte meinen journalistischen Eifer missdeuten, vielmehr werde ich mir der anderen anwesenden Traveller bewusst, die mich aufgrund meiner Neugierde für einen begeisterten Kinderficker halten könnten. Was immer ich über Thailand bisher gelesen habe: Offenbar unvermeidlich ist eine Anmerkung über die berüchtigten „alleinreisenden Männer“. Wenngleich ich dieser besonderen Spezies nicht angehöre, weise ich doch deren grundlegenden Attribute auf: unzweifelhaft ein Mann und allein in Thailand, was immerhin suspekt ist.

Die nächsten Kinderaugen, der nächste Pappbecher. Diesmal zahle ich nur einen Baht. Dem Mädchen, das ein paar Minuten später erscheint und kaum größer als das Baby ist, das sie mitschleppt, schenke ich nur noch ein mildes Lächeln.

Schneller kauen – zahlen – abhauen.

Elend ist Thailand kein Massenphänomen; es entwickelt sich eine breite Mittelschicht mit relativem Wohlstand, die Unterschicht kommt irgendwie zurecht. Im internationalen Vergleich ist Thailand kein armes Land. Auf der Wohlstandsrangliste rangiert es irgendwo im gesicherten Mittelfeld, weit vor den elenden Hungerländern.

Dennoch fängt kein soziales Netz auf, wem der finanzielle Boden unter den Füssen weggezogen wird. Einzelne bleiben auf der Strecke.

Vielleicht siehst du in Bangkok die Kinder mit dem Pappbecher für die Münzen, oder die tieftraurigen, grauen Frauen, die in Travellerkneipen erfolglos lustiges, buntes Spielzeug feilbieten. Oder die Nutten, wie Sklaven gehalten. Oder die Bettler, denen so viele Körperteile fehlen, dass sie – medizinisch gesehen – eigentlich nicht mehr leben dürften.

Selbstverständlich muss ich über das Elend schreiben, – bekanntlich ist jeder Bericht über Bangkok ohne einen entsprechenden Hinweis unvollständig. Das Elend ist hier allerdings manchmal kein Gemeinplatz.

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