Reisebericht: Bootfahren, Mönchsweihe & Homestay in Bangkok

Boot

Sollte es doch einen Unterschied zwischen Thais und Farangs geben, dann wohl diesen: Thais verschwinden nach dem Besteigen eines Bangkoker Taxibootes sofort ins Innere auf die Sitze.

Erstens ist es dort schattig, zweitens ist Sitzen bequemer als Stehen und drittens ist eine Bootsfahrt auf dem Chao Phraya River für Thai-Pendler etwa so aufregend wie eine Fahrt mit der S-Bahn zwischen Dortmund-Mengede und Oberhausen-Sterkrade für ihre Deutschen Kollegen.

Farangs hingegen bleiben beharrlich auf der offenen Plattform am Ende des Bootes stehen. Das Bootspersonal versucht halbherzig, die dummen Westler in den Innenraum zu scheuchen, – immerhin stehen die an jeder Station allen Passagieren im Weg, die dort zügig ein- und aussteigen wollen. Der eine oder die Andere – ein Greenhorn zumeist – folgt den Anweisungen: „get inseih, get inseih“.

Die meisten Westler bleiben aber stehen. Stehen ist kein Problem, immerhin sitzt man sowieso schon viel zu lange in Kneipen und Bars herum; den Sonnenbrand fürchtet auch kein Farang (vielleicht abgesehen von ein paar Australiern, vom Ozonloch über ihren Köpfen hinreichend sensibilisiert) und vor allem: draußen sieht man einfach mehr!

Die Wunder des Fernen Ostens am Ufer: Tempel, Hoteltürme und Slums. Geschäftiges Treiben, flüchtig wahrgenommen. Auf dem Fluss ein endloser Schubverband, dann ein kitschiger Touristenkahn, – als Dschunke getarnter Volvo-Penta-Diesel, andere Taxiboote, von denen andere Farangs winken.

Wir stehen – natürlich – und sehen. Rechts schrubben zwei Matrosen lustlos das Deck eines Schnellbootes der Königlich Thailändischen Marine. Etwas weiter ein Gebäude, das wie ein Bahnhof aussieht, sich aber beim Näherkommen als Restaurant zu erkennen gibt („Thai and Western Food and scenic riverview for reasonable prices“).

Das Boot driftet zur anderen Seite des Flusses. Dort im Hintergrund ein Tempelchen. Nicht so imposant wie der Wat Po oder der Wat Arun, mehr eine Art Dorfkirche. Dafür aber sehr belebt. Wir machen eine Menge Menschen aus, die sich laut trommelnd und singend um den Tempel versammelt hat.

„Da ist was los…“ Wir kommen näher. „Die tanzen…“, „nee, eine Prozession…“, „oder eine Demo…“, „Hier? Diese Demo bemerkt doch niemand!“, „Doch wir, und wenn Du im Internet darüber schreibst, bemerken’s sogar noch mehr Leute“.

Eben noch waren wir einfach Touristen, jetzt sind wir Vertreter der aufgerüttelten Weltöffentlichkeit. An der nächsten Haltestelle springen wir vom Boot und eilen zu dem Tempel.

Den umkreist die Menge mit fröhlichem Gejohle. Trommler dreschen auf ihre Instrumente ein. Unter hohen Schirmen schreiten am Anfang des Zuges zwei Halbwüchsige in weißen Gewändern. Knapp dahinter machen wir einen Westler in Thaikleidung aus. Er winkt uns zu. Die Thaifrau neben ihm kommt auf uns und fordert uns in perfekten Englisch auf, es ihnen gleich zu tun. Heute seien alle fröhlich und wir sollten es auch sein.

Etwas unsicher schließen wir uns der Prozession an. Thais grinsen uns an. Kurze Zeit später gehen die weißgewandeten Jungen in den Tempel hinein. Die Menge bleibt am Eingang stehen. Die Thaifrau und der Westler nehmen uns beiseite. Die Jungen würden heute zu Mönchen geweiht, erklärt die Frau, wir würden gerade eine sehr heilige Buddhistische Zeremonie erleben. Allerdings müsse man kein Buddhist sein, um mitzumachen. Sie selbst sei Muslima, ihr Mann sei gar nichts. Dabei wirft sie dem grinsenden Westler einen strafenden Blick zu. Ob wir Christen seien, fragt sie. Wir outen uns als Katholiken.

Aus unserem Akzent schließt der Mann, dass wir Deutsche sind. Die Sprache beherrscht er auch, Schweizerdeutsch um genau zu sein. Wir erfahren, dass er und seine Frau in diesem Dorf leben. Ja, ein Dorf, inmitten der Megametropole, die wir leichtfertig „Bangkok“ nennen.

Was gemeinhin als Bangkok gilt, ist eigentlich eine Ansammlung selbständiger Gemeinden, die zu einem gigantischen Stadtgebilde zusammengewachsen sind. Auf der westlichen Flussseite liegt Thonburi. Im Osten Bangkok, das im engeren Sinne „nur“ aus der Innenstadt besteht. Rundherum gruppieren sich Kleinstädte und Dörfer, deren Grenzen nicht einmal ihre Bewohner trennscharf ziehen können.

„Ihr seid leider etwas spät gekommen, das Fest ist fast vorbei“, sagt die Frau, die auf ein kurioses Deutsch, sowohl mit Schweizer als auch mit Thailändischem Akzent, umgeschaltet hat.

Eine weitere Thai-Dame gesellt sich zu uns und reicht uns Plastikbecher mit einer pinkfarbenen Flüssigkeit. Sie wird uns als „Tante“ vorgestellt, spricht fast akzentfrei Deutsch und raucht eine Marlboro Lights nach der anderen. Das Getränk schmeckt bitter nach Medizin. „Das gibt es nur an Festtagen, ist sehr gesund und sehr lecker.“ Ersteres glauben wir, zweiteres nicht.

Der Schweizer und seine Frau laden uns in ihr „bescheidenes“ Heim ein. Wir folgen über einen Bohlenweg, der zwischen Hütten über das Flussufer gebaut ist. Das Haus ist klein, aber trotz, oder vielleicht wegen seiner Schlichtheit überwältigend schön. Ein vorbeifahrender flüchtiger Beobachter auf dem Fluss könnte das Haus für eine Slumhütte halten. Der Eindruck täuscht. Es besteht ausschließlich aus bestem Teakholz. Alles ist offen, Blick auf den Fluss über Blumenkübel. Im Inneren nur ein Zimmer, sorgfältig gearbeitete Teakholzwände mit Schnitzereien.

Darin ein Bett, ebenfalls Teak. Der Hausherr zeigt uns noch den geschmackvollen Waschraum. Hatten Adam und Eva im Paradies eigentlich eine Unterkunft? Wenn ja, dann hat sie so ähnlich ausgesehen.

Wir sitzen auf der Veranda, die den Großteil des Hauses einnimmt und auch als Küche dient und plaudern. Die Hausherrin fordert ihren Mann auf, uns etwas zu kochen. Er gibt sich bescheiden. Kochen könne er nicht sonderlich gut.

Understatement pur ist offenbar ein Wesenszug des Schweizers (er behauptet auch, er spräche kein Thai). Das Essen schmeckt nicht nur ausgezeichnet, es ist auch sehr ästhetisch angerichtet.

Wir erfahren beim Essen, dass dieses Haus an anderer Stelle abgebaut und hier neu aufgebaut worden ist. Insgesamt hat das bescheidene Heim etwa 50.000 Euro gekostet, nur das Material. Gebaut wurde es mit Hilfe der Nachbarschaft in Eigenleistung. Es sei aber noch nicht ganz fertig. Die Familie wohnt in ihrem anderen Haus, um ein paar Ecken.

Inzwischen habe zwei Mädchen aus der Nachbarschaft – von uns völlig unbeindruckt – das Haus betreten und üben sich an einem offenen Teil der Veranda im Netzfischen. Die Dame des Hauses macht es ihnen vor. Die „Tante“ schaut zu und öffnet derweil eine neue Packung Marlboro Lights.

Der Schweizer erzählt, dass Thais sich in den Häusern der Nachbarschaft fast so heimisch fühlen, wie im eigenen. Daher herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Privatsphäre sei ein echtes Problem. Man müsse die Türe abschließen und so tun, als sei man nicht da.

Er bittet eines der Mächden zu uns, sie spräche nämlich Deutsch. Tut sie jetzt aber nicht. Sie lächelt nur. Dann reden die beiden Thai. Sie wolle in Deutschland studieren, ihr Vater erlaubt das aber nicht, er mache sich Sorgen. Deutschland sei etwas verrufen.

Dieses Haus ist als „Homestay“ geplant. Ausgewählte Gäste können hier am ruhigen Rande der Metropole in authentischer Atmosphäre und Nachbarschaft echtes Thailand erleben.

Fehlen hier Adresse, Telefonnummer oder eMail-link? Schade, – das Haus soll ein Geheimtipp sein, Reklame unerwünscht (ich frage demnächst noch mal nach…).

Aber wie steht schon bei Thaiminator an anderer Stelle  zu lesen: „Wandert in Bangkok herum (…) Jenseits wohlgeordneter Touristenströme lernt man Thais einfach so kennen, bekommt unerwartete Einladungen und entdeckt seltsame, verwirrende und großartige Dinge und Menschen.“

Wir verabschieden uns mit einem dankbaren Wai und nehmen das letzte Boot zur Khao San Road.

Natürlich stehen wir auf der Plattform. – Man sieht einfach mehr!

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