Reisebericht: Beim Juwelier in Bangkok („10 Baht, one hour“)

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Manchmal will ich einfach wissen, wovor Reisebuchschreiber eigentlich so eindringlich warnen. – Dieses Sicherheitsmantra beten zahlreiche Thailandexperten rauf und runter: „Lass dich bloß nicht von einem bösen Bangkoker TukTuk Fahrer zu einem Juwelier kutschieren.“ – Als wäre es wirklich gefährlich, ein halbes Stündchen lang seine Bildungslücken über angewandte Abzocke zu schließen. Ich ignoriere bekanntlich alle guten Ratschläge und heuere bei einem Tuk-Tuker in der Khao San Road an („10 baht one hour“), um den Triathlon Juwelier – Schneider – Big Buddha zu absolvieren. Verblüffende Erkenntnis: Uns hat’s keinerlei Geschmeide aber immerhin eine eiskalte Cola eingebracht. Betrogen durfte sich eher die Mitarbeiterin des Modeschmuck Fachgeschäftes fühlen:

„Man sollte den Tuk-Tuk Fahrern die Provision kürzen“, denkt die kleine Juwelierin, „die liefern fast nur Schrott.“

25 Baht Kopfgeld zahlen Juweliere in den Randbezirken Bangkoks für jede Person, die ein Dreiradpilot bei ihnen abliefert. Die meisten sind das Geld nicht wert. Diese beiden Geizkragen etwa, die just einem Tuk-Tuk entsteigen und so aussehen, als seinen sie nur mitgefahren, weil die Fahrt zu irgendeinem Tempel so extrem billig war. Die Frau trägt eine randlose Brille, aber keine Ketten oder Ringe und hat nicht einmal Löcher in den Ohren. Ihr Begleiter grinst verdächtig selbstzufrieden, trägt so wenig Schmuck wie Haare und noch schnell etwas in ein Notizbuch ein.

Dennoch, mitunter kaufen auch solche Nieten etwas. Daher bekommen auch diese beiden das gesamte Höflichkeitsprogramm sowie je eine Cola aus dem Eisschrank.

Dann folgt der Test. Die Juwelierin zeigt ein paar Steine, erzählt etwas dazu und streut allgemeine Fragen über Edelsteine ein „…let me tell you, how heavy one carat is…“. Profis wissen das natürlich und winken ab. Oder sie geben unverhohlen mit ihrem Wissen an. – Die geleitet sie dann nett zum Souvernierladen.

Mit ihren Fragen versucht sie, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das klappt nicht immer zuverlässig. Manche Experten geben sich ahnungslos. Die beiden hier kennen sich offenbar gar nicht mit Edelsteinen aus. Oder tun zumindest so.

Sie führt die zwei zunächst an fünf eifrigen Diamantenschleifern im Eingangsbereich vorbei. Die Handwerker dienen einzig dem Marketing und sollen den Eindruck vermitteln, hier würde echte Handarbeit gefertigt und verkauft (was zumindest für den Glasglitzer im hinteren Teil der Ausstellung definitiv nicht gilt).

Dann die Ausstellung selbst: Am Anfang funkeln in den Vitrinen aus dickem Glas ein paar sorgsam beleuchtete und inszenierte Steine. – Wirklich schön. Die Juwelierin weiß um die Wirkung des prächtigen Geglitzers und nennt ein paar 6-stellige Dollarbeträge. Potentielle Kunden zucken innerlich zusammen, zeigen sich schwer beeindruckt und sind schon mal auf Schmuckpreise eingenordet.

Danach folgen teure Geschmeide minderer Qualität. Aber das wissen die Kunden nicht, die weder die Reinheit, noch den Schliff eines Steines beurteilen können. Ebenso wenig kennen die meisten Kunden die üblichen Marktpreise und wissen daher nicht, dass Juweliere in Glasgow, Genua oder Gütersloh vergleichbare Ringe oder Ohrgehänge für deutlich weniger Geld feilbieten. Aber verglichen mit den teuren Pretiziosen am Anfang liegen hier Sonderangebote. So gesehen, betrügt die Juwelierin hier niemanden, sondern betriebt ein Spiel von Angebot und Nachfrage, das in einen Marktpreis mündet.

Und der ist hier eben höher als anderswo.

Es genügt, wenn Käufer glauben, sie machten hier ein Schnäppchen. In Bangkok machen sie schließlich allerorten ein Schnäppchen. Alles ist günstig: Essen, Bier, Sex, T-Shirts und Rolex-Uhren. Ergo müssen wohl auch Diamanten günstig sein. Touristen auf Schnäppchenjagd und im Prinzip selbst Schuld.

Die zwei kaufen nichts. Das ist normal. Nur die allerwenigsten Besucher des Ladens geben spontan 500 oder 1.000 Euro für Klunkern aus. Aber ein paar tun es. Davon lebt der Laden.

Und der Laden lebt von den zahlreichen Kunden, die hier Modeschmuck erwerben. Den gibt es an der nächsten Station.

Sie erklärt ihren planlosen Kunden, dass in den Vitrine im hinteren Teil der Ausstellung keine echten Steine liegen. Die Kunden wiederum sind ob solcher Ehrlichkeit ganz entzückt. Hier wird mit mit offenen Karten gespielt, das schafft Vertrauen und die Bereitschaft, ein paar Euros oder Dollar springen zu lassen.

Die Preise für den Glasglitzer muten regelrecht lächerlich an, nachdem zuvor abstruse Summen genannt wurden.

Hier kostet der Ring nur noch 50 Euro und funkelt fast so schön wie sein teurer Kollege, ein paar Vitrinen weiter vorne.

Dass es den gleichen Ring im Khao San Viertel für 10 Euro gibt, weiß hier kein Kunde.

Für notorische Juwelenverweigerer wartet kurz vor dem Ausgang noch der Souvenierladen mit allerlei Asienkitsch. 200 Baht für ein Buddhabildchen hat schließlich jeder übrig.

Die beiden Nietenkunden kaufen nicht einmal hier etwas. Der Typ fragt die Juwelwelieren höflich nach einer Visitenkarte und sie gibt ihm ganz höflich keine.

Manche Kunden sind verärgert, weil sie statt Big Buddha und Co. Funkelsteine sehen. Diese hier sind munter. Sie weiß nicht, dass der große Farang Journalist und Webdesigner ist und sich über eine Geschichte freut.

Sie freut sich ihrerseits auf ein Tuk-Tuk mit einer Ladung neureicher Russen und träumt davon, dass irgendwann Paris Hilton aus einem Dreirad schwebt und den ganzen Laden leer kauft.

PS: Ein Karat entspricht übrigens 0,2 Gramm, falls dich Bangkok mal jemand danach fragt.

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