Reisegeschichte: schlaflos in Bangkok

Nacht in Bangkok

Dicker Westwind treibt schwarze Wolken über die Stadt. Regen liegt in der Luft.

Irrtum: Zu Hause läge angesichts dieser wild wirbelnden, finsteren Wolken Regen in der Luft. Hier hingegen liegt der süße Geruch verwesender Essensreste in der Luft. Trotz tiefschwarzen Himmels: nicht ein einziger Tropfen und schon gar kein tosender Wolkenbruch erbarmt sich meiner Geruchsnerven und spült die faulige Scheiße unter meinem Fenster endlich in die Kanalisation.

Zudem riecht das spottbillige Zimmer muffig. Vergilbte Tapeten überdecken lustlos fette Schimmelflecken. Der Ventilator rattert vergeblich gegen die stehende Hitze an. Er verteilt sie nur. Ich lerne die erste Lektion dieser Reise: gönne dir zumindest am Tag der Ankunft in Thailand eine luftige, hübsche Unterkunft.

Gerade mal zwei Stunden im Land und mir ist kotzübel. Kurz zuvor war ich unweit der Khao San Road, geduckt unter dem tief hängenden Himmel, aus dem Bus vom Bangkoker Flughafen gestiegen. Dann sah ich zwei Hühnereier. An sich nichts Besonderes, hätte sie nicht eine Frau mit fetten Fingern direkt auf dem Bürgersteig zusammen mit einigem anderen Gekröse aus dem stinkenden, offenen Leib eines halbgerupften Huhns herausgematscht. Die Überreste des Federviehs sortierte sie in mehrere Plasteeimer. „Die guten ins Töpfchen“, für die Familie – den Abfall bekommt eine Touristenkneipe.

Doch unappetitliche Gerüche und Ansichten der fremden Stadt beschleunigen nur den Brechreiz, den vor allem Mefloquinhydrochlorid verursacht. Mefloquin ist eine schlechte Droge: Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, abnorme Träume, Bauchschmerzen, Angstzustände, Ruhelosigkeit, depressive Verstimmung, Verwirrtheit, Wahnvorstellungen, Herzjagen. Es gibt noch ein paar weitere Wirkungen. Die kenne ich jetzt auch. Normalerweise nehme ich keine Drogen. Aber diese hat mir mein Arzt verschrieben. Mefloquin schützt vor Malaria. Dafür bringt es einen auf andere Art um.

Auf dem Flughafen hatte ich die erste Pille geschluckt. Nun lerne ich die zweite Lektion dieser Reise: Wirf das Malariamittel ein oder zwei Tage nach der Ankunft ein, wenn du dich etwas an Bangkok gewöhnt hast. Diese Einsicht kommt zu spät. Jetzt bin ich sicher, innerhalb der nächsten vier oder fünf Stunden zu sterben. Selbstmitleidig verbeiße ich mich in diesen Gedanken. Jämmerliche Stunden auf fragwürdiger Matratze. Eine Zigarette auf dem winzigen Betonbalkon. Dann wieder auf dem Bett herumwälzen und dann noch eine rauchen.

Dank Jetlag tickt meine Innere Uhr hinter dem Mond. Todmüde und dennoch unfähig, Schlaf zu finden. Dass Jetlag zudem negativen Einfluss auf die psychische Stimmung haben kann, ist wissenschaftlich gesichert und nun auch durch mich bestätigt. Bedenkliches Hämmern in der Brust. Feuchtheiße Luft will nicht in die Lungen, bleibt einfach draußen. Ich zwinge mich zu atmen, sehe erbärmlich aus und denke an meine Mutter. Das erste Mal im Leben fühle ich wirkliche Angst.

Zwei Jahre lang hatte ich geträumt, hier zu sein; begeistert von der Vorfreude auf die pulsierende, vor vitaler Lebensfreude überschäumende Stadt der Engel. Doch die Weltstadt im Fernen Osten meint es heute nicht besonders gut mit Kleinstadt-Hemingways aus dem Abendland. Nun, da ich hier bin, verrecke ich in einem verwohnten 150-Baht Zimmer. Ich stelle mir vor, wie ein Zimmermädchen nach ein paar Tagen meine Leiche findet und ihren Chef informiert: „Da liegt schon wieder so ein toter Farang herum.“
„Bring ihn in die Küche!“ entgegnet der Chef und beginnt ein Schild zu malen: „today beef, very cheap“.

Sollte ich nicht als Beefsteak enden und diese Nacht wider Erwarten überleben, werde ich morgen meinen Rückflug auf den nächstmöglichen Termin vorbuchen. Ich berausche mich an dieser Idee und schreibe sie in einen Brief an meine Geliebte in Europa. Es ist etwa drei Uhr früh. Der Brief ist etwa in einer Woche bei ihr.

Ich schleppe mich noch einmal auf die Khao San Road. Zigarettenkaufen. Der 7-eleven ist rund um die Uhr geöffnet. Krong Thip 90 und zwei Flaschen Chang. Die Road ist fast ausgestorben. Nur zwei ergraute Katois freuen sich über den letzten, scheinbar betrunkenen Farang, der ihnen in die Quere kommt und greifen mir munter zwischen die Beine: „Why not spending the night together?“ Ich weiß ziemlich genau warum und kratze den letzten Rest Adrenalin zusammen, den das Mefloquin noch übrig gelassen hat.

Ich registriere noch einen begeisterten Jüngling mit einem blondierten Thaigirl im Arm: „Everything? You mean: everything? The whole night?“ Vermutlich kann ihm die Nacht nicht lang genug sein. Ich persönlich hoffe, sie ist bald vorbei. Die Chancen dazu stehen gut: es ist kurz vor vier.

Das Chang Beer mit seinen hochgelobten 6,8% Alc. streitet mit dem Mefloquin um die letzten freien Synapsen in meinem vermatschten Kopf. Der grübelt derweil über das Rätsel der Zeitverschiebung. Hat in Deutschland der Arbeitstag schon begonnen? Oder ist da jetzt auch Nacht? Sitzt meine Lieblingskollegin jetzt gerade in der Firma um irgendwelchen Unfug in den PC zu klappern? Die Fragen sind zu kompliziert. Immerhin: Den Begriff „Jetlag“ braucht mir niemand mehr zu erklären. Jedenfalls säße ich jetzt gerne neben ihr und würde sie, wie in den letzten Wochen ständig, damit nerven, dass ich bald nicht mehr in der tristen Arbeitsstätte, sondern in Bangkok bin: „Nicht irgendein Scheiß! Bangkok!“

Zwei Jahre zuvor, als ich das erste Mal und mit gehöriger Grandezza durch die Stadt der Engel stolziert bin, habe ich geschworen, so schnell es geht wieder hier her zu kommen. – Wie töricht, wie pubertär. Den kindischen Schwur habe ich gehalten, als Treueprämie erhalte ich eine Depression. Der nächste Mensch, den ich mag, ist etwa 10.000 km weit weg. Hier gehen mir ein paar gealterte Ladyboys ebenso gehörig wie buchstäblich – man verzeihe dieses schlechte Wortspiel – auf den Sack. Ich will nach Hause.

Drei oder vier mühsam verschlafene Stunden, dann war die Albtraumnacht endgültig vorbei. Es ist heller als gestern, aber immer noch grau. Das Tageslicht offenbart die ganze Trostlosigkeit meines Zimmers. Die unteren 20 cm der hölzernen Tür zum Bad sind fast völlig verrottet. Im Fliegengitter des Fensters kleben ein vertrocknetes Kondom und einige Zigarettenkippen. Aus der Dusche tröpfelt lustlos lauwarmes Wasser. Das Klo hat einen Sprung in der Schüssel. Immerhin scheint es nicht auszulaufen. Vorsichtshalber betrete ich das Bad nur mit geschlossenen Schuhen.

Frühstück im Gartenrestaurant des Hauses. Dasselbe Grundstück, wenige Meter von meinem Zimmer und dennoch eine andere Welt. Unter einem ausladenden Baum mit tiefroten Blüten und zwischen kleinen Palmen serviert ein sanfter Junge beachtlichen Italienischen Kaffee aus einer Maschine von Saeco. Frisches Obst, Eier mit Speck, hausgemachter Yoghurt sowie ein Verdacht auf Morgenkühle beleben und entspannen gleichermaßen. Ich durchblättere ein zerlesenes „TIME Magazine – Asian Issue“ und beobachte kleine Vögel, die Krumen vom Boden picken. Trotzig verbiete ich mir, es hier idyllisch zu finden. Tagesordnungspunkt Nr. 1 ist und bleibt der Rückflug.

Preisvergleiche in den zahlreichen Reisebüros der Khao San Road helfen allenfalls, Zeit totzuschlagen, keinesfalls aber Geld zu sparen. Jeder der scheinbar unzähligen Wucherläden, die sich unschuldig „Travel Information“ nennen, verlangt 250 Amerikanische Dollar, um den Rückflug vorzuverlegen. Die Kosten für eine Umbuchung richten sich nach der Airline und dem Datum. Mit meinem Ticket habe ich das ganz große Los gezogen: 250 Dollar. Der horrende Betrag dämpft das Heimweh und weckt zaghafte Sympathien für Südostasien.

250 Dollar mobilisieren ungeahnte Heldenkräfte selbst in selbstmitleidigen Memmen. Statt des Rückfluges buche eine Busfahrt nach Krabi in Südthailand zu 250 Thaibaht und spare somit satte 244 Dollar.

Neben dem Geiz hatte mich ein Poster in einer Tavel Information verführt. Eine Luftaufnahme kolossaler, grün bewachsener Felsen, dazwischen ein Wald von Palmen, strahlend weiße Strände, eingerahmt von blaugrünem Wasser. Aufgedruckt die Worte „Amazing Thailand“. „Krabi“ antwortet die Reiseverkehrskauffrau, als ich nach dem Ort frage, den das Poster zeigt. Das Bild ist offenbar nicht retuschiert, dennoch eine unverschämte Lüge. So entrückt wie auf dem Bild sieht niemals ein Tourist diesen Ort. Die Wirklichkeit ist dort ganz anders, – anders bildschön und grandios.

Bangkok hatte anfangs etwas gezickt, mich aber auch diesmal aufgenommen. „Amazing Thailand“ der offizielle Webeslogan der Thailändischen Tourismusbehörde ist keine Lüge, auch wenn niemand dabei zunächst an 244 Amerikanische Dollar denkt. Thailand ist erstaunlich. Beschwingt flaniere ich zwischen Verkaufsständen mit T-Shirts und raubkopierter Musik durch enge Gassen. Übermütig lächele ich hübschen Mädchen in den Cafes zu. Die Sonne hat sich inzwischen einen Weg durch die Wolken gebahnt, die sie nun mit all ihrer tropischen Macht zu Seite drückt.

Mindestens irritiert Bangkok zu Beginn einer Reise. Ein gutes Abendessen und eine Thaimassage helfen meist, die Seele, die noch halb im Westen weilt, ganz in die Stadt der Engel zu locken. Jetlag, Hitze, Gerüche, Smog, Dreck und Malariamittelchen mixen sich nur selten zu einem unverträglichen Cocktail. Spätestens nach zwei Tagen hat sich fast jeder eingewöhnt und ist bereit, eine der faszinierendsten Städte der Welt zu genießen – oder den hastig vorverlegten Rückflug anzutreten.

Ein Gedanke über “Reisebericht 2 – Bangkok

  • 21. März 2016 bei 12:09
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    Servus,
    absolut schön geschrieben, und wie war!
    Ich muss sagen, für mich darf es schon ein wenig Komfort in bkk sein- um sich vom Trubel, Gestank und Chaos der Stadt zu erholen braucht es für mich schon ein Hotel zum runterkommen.
    Malaria Prophylaxe steht bei mir für Thailand nie im Programm. Ich nehme mal an, das war dein erster Trip nach Thailand oder wie? Oder machst du das immer noch?

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