Reisegeschichte: Khao San Road, Liebeserklärung an eine schäbige, kurze Straße in Bangkok

Khao San

Du hast es geschafft, wenn du diese Straße betrittst. Auch wenn dein Fuß beim ersten Tritt auf das glühende Pflaster der Khao San Road noch in viel zu dicken Schuhen und Socken steckt. Die meisten Neuankömmlinge glauben einfach nicht, dass es hier wirklich so heiß ist, wie der Thaiminator behauptet und kommen in Outfits an, die im herbstlichen Oslo oder Glasgow durchaus zweckmäßig wären („…aber nachts wird es doch bestimmt kühl, oder?! Dann sollten wir was Warmes dabei haben…“).

Die dicken Schuhe und Socken, der Norwegerpulli und das Sweatshirt mit Kapuze landen spätestens eine halbe Stunde nach Ankunft im südlichsten Zipfel des Gepäcks und werden die nächsten Wochen nicht mehr angerührt. Über die Khao San Road und alle Straßen, auf denen du während deiner Reise durch Thailand unterwegs sein wirst, schreitest du in Sandalen oder Flip-Flops.

Du landest in Bangkok, hast nichts gebucht (was in Thailand schließlich auch nicht nötig ist) und hast weiter nichts vor, als die legendärsten Wochen deiner Existenz zu verleben. Daher nimmst du am Fughafen der Thailändischen Hauptstadt den Bus oder ein Taxi zur Khao San Road im nördlichen Innenstadtviertel Banglampoo. Die Straße selbst ist 400 Meter kurz; ihre Koordinaten lauten 13 Grad 45 Minuten nördlicher Breite und 100 Grad 30 Minuten östlicher Länge. Ebenfalls uninteressant: 23 Silbergeschäfte bieten dort Schmuck an.

Diese Zahlen sagen überhaupt nichts über die Road und ihre Bedeutung aus. Die Road ist inzwischen ein Synonym für ihr Stadtviertel, das vom Chao Praya River im Westen bis zum Demokratie Denkmal im Osten reicht. Vor allem aber ist die Road ein Synonym für den Rucksacktourismus als solchen, sie ist der ursprüngliche und angestammte Lebensraum des Bäckpäckers. Sie ist sein gelobtes Land, in dem es ihm an nichts mangelt und in dem Milch und Honig und Singha Beer fließen.

Die Road mit drei kurzen Sätzen beschreiben zu wollen, ist Unfug, denn ganz Diva, zieht sie sich mindestens dreimal am Tag um und wechselt ihre Gestalt. Je nach Tageszeit, zu der du eintriffst, erlebst du sie anders.

Früh morgens siehst du die Straße ungeschminkt. Hier und da fegt ein Thai den Trottoir. Der eine oder andere Lieferanten versorgt Kneipen und Läden. Ein paar müde Farangs trotten über die Straße (in Sandalen, natürlich). Die einen sind gerade angekommen und erschöpft von der Reise; die anderen sind von der letzten Nacht übrig geblieben, suchen starken Kaffee oder Aspirin (zwei Drogerien auf 400 Meter sind kein Zufall). Wie viele ihrer Bewohner auf Zeit, so scheint die Straße selbst den Rausch nach einer langen Nacht auszuschlafen. Ruhig wie das Wasser im Mekong fließt das Leben am frühen Morgen auf der Khao San Road. Aus unzähligen Kneipen strömt der Duft von Kaffee, aufgebackenem Baguette, gebratenen Eiern mit Speck sowie von aromatischem, scharfem Curry mit Fischsoße und lockt verschlafene Bäckpäcker aus den Zimmern ihrer Herbergen. Aus den Lautsprechern tröpfeln Diana Krall, Pat Metheny oder Trancemusic in gedämpfter Lautstärke.

Es ist leer genug, die Straße und die Fassaden eingehender betrachten zu können. Der verwahrloste Zustand manch älterer Gebäude ist ebenso deutlich erkennbar wie die fingerdicke Siffschicht, die der ewige Smog Bangkoks auf allen Gebäuden hinterlassen hat. Die aufdringlichen Leuchtreklamen, die sonst jeden Makel überstrahlen, sind nun ausgeschaltet. Architektonisch sind die Gebäude im Viertel nicht der Rede wert. Dutzendware. Das gilt auch für den Tempel gegenüber dem westlichen Ende der Road.

Wer baut schon etwas Besonderes in fußläufiger Distanz von Wat Po und Grand Palace, den endgültigen Thailändischen Prunkpalästen, in deren Schatten alle anderen Gebäude verblassen.

Zur Mittagszeit zieht sich Road erneut um. Händler bauen auf den Bürgersteigen ihre Stände auf und verwandeln die Road in einen Orientalischen Basar, mit speziellem Angebot für Rucksacktouristen. Klamotten nach neuester Mode (oder was dafür gehalten wird) warten ebenso wie raubkopierte CDs und DVDs auf Käufer. Die berüchtigten, gefälschten Markenprodukte sind im Angebot, genauso wie Reisebedarf aller Art und Asienkitsch. Relativ zielsicher treffen die Händler dabei den Geschmack ihrer Zielgruppe. Manche modische Verirrung taucht auf der Khao San Road ein halbes bis ganzes Jahr eher auf als in Deutschland. Hier, 10.000 km von daheim, wo sie niemand kennt und überhaupt Urlaub ist, sind viele Reisende experimentierfreudiger und mutiger als daheim im Büro oder im Hauptseminar „Handelsrecht 2“. Das wiederum macht die Road auch für Voyeure überaus attraktiv. So viele Experimentalfrisuren und sonstige geschmackliche Fehlgriffe, mit munterem Stolz präsentiert, gibt es sonst allenfalls im Rheinischen Karneval zu bewundern.

Mancher Farang verfällt in ein stumpfsinniges Auf und Ab, wie ein Tier im Käfig, dutzendfach an denselben Verkaufsständen entlang. Die Road herauf und herunter. Wer nicht rechtzeitig die Kurve zu einer Bangkoker Sehenswürdigkeit kriegt, verlebt einen öden Nachmittag in einer Kneipe oder eben zwischen Marktbuden. Die Khao San Road ist langweilig und hält ihre Bewohner doch fest. Denn sie fühlt sich sicher und eigenartig vertraut an, auch für den, der nie zuvor in Asien war. Die Road ist nämlich nicht Asien. Sie ist auch nicht Thailand. Sie ist die Zwischenstation zwischen dem Westen und dem Fernen Osten. Das wahre Asien, das wahre Thailand, sofern es das gibt, fangen einen oder auch ein paar Tausend Kilometer weiter an. Entsprechend gilt die Road als „Gateway to Asia“ – das Tor nach Asien, – und eben nicht als Asien.

Man könnte losziehen und das „echte Thailand“ suchen. Einige Straßen weiter, kann man in Slums argwöhnische Blicke auf sich ziehen, kann eine unbehagliche Einladung in ein armseliges Heim bekommen oder in „echten“ Bangkoker Kneipen lauwarmes Fischcurry löffeln und mit Zeichensprache kommunizieren. Man könnte Bangkok verlassen, dorthin ziehen, wo keine gefälschten Markenartikel verkauft werden, wo zum Frühstück Reissuppe gelöffelt wird und wo niemand mit einem Touristen rechnet, – irgendwo in die touristisch unerschlossene Provinz, in das „echte“ Asien eben.

Muss man aber nicht: Auf der Road gibt es Baguette und Beck’s Bier. Die Bedienung spricht nicht mehr, als sie muss. Auf Englisch.

Die Khao San Road, so wie sie ist, ist ein Spinnenetz, das Farangs festhält. Dafür wurde sie geschaffen. Denn je länger sich ein Farang hier aufhält, desto mehr Geld gibt er aus. Für seine Bahtscheine bekommt der Farang nicht nur preiswerte Produkte, sondern vor allem Sicherheit und Geborgenheit. Die Anbieter erkunden genau, was die Zielgruppe will und bieten ihr exakt das an.

Es besteht ein Bedarf nach solch einem Ort. Wer auf eigene Faust in die Welt reist und nicht bereits am Flughafen von einer deutschen Reiseleitung und später vom TUI – Vertragshotel aufgefangen wird, der braucht zunächst einen vertrauten Platz, der vor abruptem Kulturschock schützt. Den Kulturschock kann sich hier jeder selbst dosieren.

Somit bekommen Individualreisende in der Road und ihrer Umgebung das, was sonst Reiseveranstalter ihren Kunden bieten: Die Fünf-Sterne-Rundum-Komplett-Voll-Versorgung.

Abends schminkt sie sich und sie trägt dabei dick auf. Die Händler bauen ihre Stände ab und die Wirte vergrößern ihre Schankräume bis fast auf die andere Straßenseite. Die Road wandelt sich zum Biergarten und zur Rumsbumsmaschine. Das Treiben auf der Road wirkt bisweilen wie eine große Uniparty unter dem Motto: ‚Wir spielen Asien‘, die etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Menschen, die vor ein paar Tagen noch in einem Büro in Cincinnati oder Celle dämmerten, feiern hier nun die ganz große Freiheit.

Die Tagesleistung eines mittleren Kraftwerks wird geradewegs in Neonröhren, Leuchtreklamen und Lautsprecher gepumpt. Coole Jünglinge und nervöse Girlies drängen durch das Viertel. Techno-Beats hämmern aus der einen Ecke, Thaipop jammert aus der anderen. Auf Großbildschirmen flimmern die aktuellen Hollywoodschinken. Gerüche von Gebratenem, Frittiertem und Erbrochenem.

Bis nach Mitternacht kocht die Road, dann machen die Kneipen nach und nach zu. Die meisten Farangs gehen zu Bett, einige Zecher suchen nach den letzten offenen Bars und der eine andere lässt sich von einem Tuk-Tuk-Fahrer eine Fahrt in ein Bordell aufschwatzen. Die Road ist wahrlich kein Rotlichtbezirk, aber zur sehr späten Stunden verirren sich ein paar vereinzelte Prostituierte und Katois ins Viertel und wildern unter den letzten Trunkenbolden, die es nicht mehr mit dem Tuk-Tuk in ein Etablissement geschafft haben.

Egal zu welcher Zeit du ankommst und egal, ob dir gefällt, was du vorfindest: Die Road ist ein segensreicher Ort, denn sie bietet dir stets das, was du willst. Vor allem Reiseanfänger finden in einem der ungezählten Guesthouses problemlos eine Unterkunft und eine Mahlzeit wie bei Muttern, ohne lange zu suchen.

Und denen, die sie absolut nicht mögen, vermitteln Reisebüros, natürlich im Überfluss vorhanden, zumindest eine Fahrt woanders hin. Gäbe es sie nicht, man müsste eine Straße wie diese erfinden.

Sie ist genau das, was Bäckpäcker suchen, die gerade in Bangkok, Thailand eingetroffen sind. Im Sinne kundenorientierten Marketings ein perfektes Produkt.

Aber das ist zu nüchtern. Die schäbige Spelunkengasse am Nordrand der Innenstadt Bangkoks ist gleichzeitig auch wundervolle Sehnsuchts- und Traumstraße. Gerade jetzt, ich sitze an einem grauen Januartag unweit der Ruhr vor meinem PC, wäre ich gerne da. Berichte über Thailand in den Rechner zu hacken, ist eine Ersatzbefriedigung. Die Road ist die Erlösung von monatelangen, bisweilen jahrelangen, teils quälenden Fernwehträumen. – Du hast es geschafft, wenn du diese Straße betrittst. Du bist endlich da.

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