Tsunami

Tsunami! Über 10 Jahre nach der Flut

26. Dezember 2004: die Jahrhundertkatastrophe

Besonders schwer ist in Thailand die Andamansee betroffen: Die Welle trifft Phuket, Khao Lak und Ko Phi Phi am schwersten. Mehrere Tausend Menschen sterben hier.

Ko Lanta, Krabi, Ao Nang, Railey Beach sind weniger bis gar nicht verwüstet. Die Zahl der Opfer ist eher gering.

Über Zehn Jahre danach: (Fast) Alles wie vor der Flut

„Wird es jemals wieder so sein wie früher?“, fragte ein Leser bange kurz nach der Flut. – Es ist längst wieder wie früher. Jedenfalls für alle, die niemanden persönlich betrauern…

Wer den Statistikern vertraut, wonach die nächsten 400 Jahre kein Tsunami mit der Wucht vom 26.12.2004 über Thailand fegen wird, kann wieder unbesorgt in die genannten Orte reisen. Die touristische Vollversorgung ist dank der Aufbauhilfe nach der Flut sogar etwas schöner und besser als zuvor.

Der Gegend um Krabi sieht aus wie vor der Flut. Einzig die allgegenwärtigen Warnschilder und die Masten mit den Warnlautsprechern sind neu. Die Erinnerung an die Katastrophe gehört heute zur makaberen Folklore im Süden Thailands. Erinnerungsselfie vor dem gestrandeten Polizeiboot in Khao Lak, Lampions am Strand am Jahrestag, eine Weihnachtsattraktion mehr.

In Kao Lak, Phuket und Phi Phi sieht nur einen Unterschied, wer die Orte bereits vor der Flut kannte: Manche Bungalowanlage ist komplett verschwunden. Inzwischen sind die architektonischen Lücken wieder gefüllt. Was Bauarbeiterinnen nicht aufgebaut haben, hat tropische Vegetation zugewuchert.

Am Palmen hängen vereinzelt vergilbte Fotos von lachenden Menschen, im Urlaub in Thailand am Strand. Diese Menschen gibt es nicht mehr. Spirituell empfindsame Menschen fühlen die Trauer und das Leid an diesen Orten.  Andere ziehen unbewegt vorüber.

Der Tsunami habe die Orte gesäubert, sagte mir eine Thai in Bangkok, zwei Jahre nach der Flut. Sie meinte das offenbar nicht so zynisch, wie es bei mir ankommt. Sie dachte an Müll und Bausünden. Ich dachte an Menschen. Zehn Jahre nach dem Tsunami sind die Toten immer noch fort, aber auf Ko Phi Phi türmt sich längst wieder Müll in den Hinterhöfen der Resorts.

Somit ist alles wieder wie früher, etwas schlimmer vielleicht…

Du bist Nichts. Der Tourismus ist Alles.

Alles kann wieder aufgebaut werden und alles kann ersetzt werden. Vor allem Menschen. Die Strände im ehemaligen Tsunamigebiet sind wieder voll. Besonders am ersten Abschnitt des Strandes, an den niemand weit laufen muss. Hier grillen Farangs wie eh und je im eigenen Saft.

Sollte mal eine Flugzeugladung ins Meer gespült werden, so kommt – eine pietätvolle Zeitspanne später – wieder eine Ladung Farangs übers Meer geflogen und füllt die leeren Plätze am Strand, in den Kneipen und auf den Massageliegen.

Den Platz ertrunkener Thais nehmen andere Thais aus dem Hinterland ein. Durchaus begehrte Arbeitsplätze, die plötzlich frei sind. – Welch ein Segen für ein paar arme Schlucker aus der Provinz…

Es ist hier wie es immer war, oder zumindest, wie ich es seit fast 20 Jahren kenne: Farangs kommen, bleiben ein paar Tage oder Wochen und fliegen wieder heim. Dass ein paar Hundert oder Tausend mal nicht in der Touristenklasse nach Hause fliegen, stört das große Gesamtsystem Tourismus nicht weiter.

„Thailand ist erneut sehr populär, nach dem ersten Schock wollen alles wieder hin und nicht wenige sind erst durch den Tsunami auf Thailand aufmerksam geworden.“ So sagte es mir eine Dame in einem Deutschen Reisebüro anno 2006.

Im gesamten Geschiebe des Tourismus ist der Einzelne völlig unbedeutend. Jeder kann durch eine andere Buchungsnummer ersetzt werden. Eine Jahrhundertkatastrophe erschüttert das Gesamtsystem nicht, egal, wie uns Einzelschicksale erschüttern.

Natürlich sind die Sprüche Thailändischer Animateure vollkommener Nonsens, und das wussten wir auch schon immer: „Yes Sir, this is especially for you!“ Angesichts des Tsunami und seiner Folgen wird das auf makabere Weise klar: ich bin ganz klein und sterblich, aber der unsterbliche Tourismus ist mächtig und nichts ist „especially for me“.

Die gewaltigen Götter des Tourismus haben nicht einmal ein Jahr gebraucht, die mächtigen Götter des Meeres wieder zurück in die Tiefen des Ozeans zu treiben.

Aus dem Reisetagebuch:
Ko Phi Phi, lange nach dem Tsunami – Wanderung zum Viewpoint

Mitglied der „Phi Phi iewpoint Photographers Society“ wird nur, wer den Aussichtspunkt eigenen Fußes ersteigt. 186 Höhenmeter sind zu überwinden.

Oben darf das obligatorische Erinnerungsfoto der traumschönen Bucht geknipst werden.

Auch James Hurren ist Mitglied der Society. Weihnachten 2004 kletterte er hier hoch und schoss sein Foto. Abends beschrieb er den schweißtreibenden Aufstieg in einer Merry-Christmas-e-Mail an die Sippe daheim in England. Dies war die letzte Nachricht von James.

Sie waren auf Phi Phi und haben eine Gedenkplatte am Viewpoint angebracht. Ein schlichtes, unauffälliges Ding. „Keep on partying on Phi Phi, Jamesy“ steht darauf.

Eine schöne Vorstellung: Einer dieser 22-jährigen Englischen Boys, für die es nie einen Tag danach gibt, und die abends in den Kneipen der Insel feiern, ist James.

Ich sehe ihn dort. In jeder Disco. Winke ihm zu, er grinst breit und prostet mir mit einem Chang zu. „Halt die Ohren und anderes steif, Alter“, rufe ich, „keep on partying, James!“

Ich bin Hinterbliebener von James und all den anderen, wische mir die Trauer aus den Augen und steige die 186 Meter hinunter zum Meer.

Auf Phi Phi habe ich nichts mehr zu feiern.